Martin …

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Martin …              

                                                 

Verdammt noch mal – wie lange sollte es denn noch so gehen. Seit dreieinhalb Stunden hätten sie schon im Hafen sein wollen. Und sie schipperten immer noch hier draußen, auf dem aufgewühlten schwarzen Wasser der Nordsee herum. Bloß weil der Alte hoffte, Meent Eilts seine Leute noch zu finden. Man konnte die Hand vor Augen nicht sehen. Die Brecher donnerten über das Vorschiff hinweg, als wenn es gar nicht mehr da wäre. Aber der Alte meinte das. Das Gasoel konnte auch nicht mehr ewig reichen – und überhaupt wäre er viel lieber schon bei seiner Lene zu Haus. Im warmen Bett.

Dem Alten konnte er das natürlich nicht sagen. Der hätte ihm gleich eine gescheuert, daß ihm Hören und Sehen vergangen wären. Gestern abend waren sie mit dem einsetzenden Ebbstrom ausgelaufen. Es war ein Wetter wie aus dem Bilderbuch. Sie wollten die ganze Nacht auf Seezunge gehen. Der Bestand war so gut wie seit Jahren nicht mehr.

Hein Cassens hatte seine beiden Schiffe nicht von der Leine gelassen. Das beste Wetter sollte es bleiben – und er traute dem Braten nicht. Na ja – an der Schleuse wurde schon immer gesagt, Hein Cassens hätte es mit der Spökenkiekerei. Weil – seine Großmutter hatte ein Zigeuner als Andenken im Dorf gelassen. Man weiß ja nie, was Zigeunerblut alles so in sich hat. Auch wenn es schon lange her ist. Püüt Meyer hat denn nur gesagt: Wenn er auf den guten Fang verzichten kann – wir können es nicht und ihn, Martin, die Leinen losmachen lassen.

Einmal hatten sie die Netze schon eingeholt – es war ein guter Fang. Dann Schlag elf – der Alte hatte ihn gerade losgeschickt um die Winde anzuschmeißen. Der zweite Hol war fällig.

Es war von Abendsonnenblinkern bis zu Tintenfaßschwarz eine Zeit von weniger als drei Minuten. Als er wieder zu Verstand kam, sah er das die Winsch leer herumsauste. Die Leinen zu den Netzen waren weg – gerissen. Einfach so – wie wollene Fäden. Der Sturm ist von oben auf das Wasser gefallen – man hatte vorher in der ganzen Runde nicht eine Wolke sehen können.

Wie sie es im ersten Moment absehen konnten, hatte ihr Schiff das ganze einigermaßen gut überstanden. Jetzt gab es nur eines – nach Hause.

Auch Weert Jacobs funkt Netzverlust. Bei Siebo Hemken sieht’s nicht besser aus, die haben noch ein Stück vom Mast verloren. Was war mit Meent Eilts seinem Kutter? Von da kam nichts rüber. Immer und immer wieder ging das Zeichen raus – niemand antwortete – und sie wollten doch nach Hause. Alle Vier. Fünf Stunden kreuzten sie schon. Hin und her – hin und her.

Stockfinster – Sturm das man sich fast nicht halten konnte – und naß wie eine Katze. Er fühlt sich als wenn er in eine Waschmaschine geraten wäre.

Zur See fahren – das hatte er sich ein bißchen anders vorgestellt, als er im letzten Jahr bei Püüt Meyer angeheuert hat. Die Bilder von romantischer Seefahrt, die sind in der ersten Zeit schon alle über Bord gegangen.

Man – diese Nacht – die hätte er sich nie träumen lassen.

Dem Alten schien das alles nichts auszumachen. Er stand wie ein Eichenpfahl am Ruder – die Hände so fest in den Speichen – er rührte sich nicht einen Millimeter.

Allein seine Augen – wachsam wie ein Hafenlicht – die gingen so scharf hin und her, als wenn sie die dunkle Nacht zerschneiden wollten.

Komisch – er möchte am liebsten über Bord springen. So grün und klöterig ist ihm zumute in Kopf und Bauch. Aber er kann alles so genau beobachten, als wenn er in einem Kinosaal sitzt und sich einen Film ansieht.

Die Stimmung auf den drei Kuttern geht langsam dahin, daß sie aufgeben müssen.

Wieder aufs Siel zuhalten? Den Hafen anlaufen ohne Meent Eilts sein Schiff? Was ist mit ihm los?

Die ganze Nacht hat er sich nach Hause hingeträumt, und nun paßt es ihm nicht, daß die andern schon aufgeben wollen.

Auf einmal mag er auch dem Alten sagen, daß sie noch nicht aufgeben dürfen!

 Der Alte sagt nichts – er dreht nicht einmal den Kopf. Greift nur nach unten in die Klappe – hat eine Schluckbuddel in der klobigen Faust – zieht mit den Zähnen den Korken raus – und hält ihm die Buddel hin.

Ihm – der man erst ein Jahr dabei ist, und den sie alle immer so ein bißchen als weich angesehen haben.

Er langt hin und zieht an der Buddel. Wie brennendes Feuer läuft es ihm im Hals hinunter. Ohne ein Wort nimmt der Alte ihm die Buddel ab und zieht selbst einmal kräftig.

In diesem Moment geht Martin auf, daß Vorstellung und Wirklichkeit zwei Welten sind, und er in diesem Augenblick in der Wirklichkeit angekommen ist.

Der liebe Gott will zu dieser Erkenntnis wohl auch noch Blumen reichen – so scheint es.

Der Alte hat die Schluckbuddel noch gar nicht abgesetzt, als direkt voraus ein feuerrotes Licht aus den Wolken tröpfelt.

Es sind die Männer und der Hund von Meent Eilts’s Kutter.

Es ist zwar nur noch das Beiboot der stolzen Silbermöve – man – sie hatten noch Planken unter den Füßen. Und allein das war wichtig.

So konnte die schwarze Fahne unten in der Back bleiben als sie in den Hafen einliefen.

Es fehlte ihnen wohl ein Schiff – aber keine Seele.

Zwei Dinge hatte diese Nacht verändert – Hein Cassens wird mit Respekt behandelt – und Martins Herz ist bis in alle Zeiten an die Seefahrt verloren gegangen.©ee

 

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Seefahrt . . .

 

Ein Mann verliert nur einmal im Leben sein Herz –

entweder er trifft das richtige Schiff –

oder die richtige Frau –

und beides ist die wunderbarste Sache der Welt!©ee

 

Mit vielen weiteren Erzählungen auch zu finden in UNSERER  : Schreibwerkstatt

 

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5 Gedanken zu „Martin …

  1. merrillyew sagt:

    Das Thema klingt so Siegfried-Lenzhaft, musste ich unbedingt lesen. Gefällt mir sehr gut. Grüße

    Gefällt 1 Person

  2. Eine tolle Leseprobe….

    G. l. G. Jochen

    Gefällt mir

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