Auszug aus der Erzählung „Ostwind“

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Meine BUCHVORSTELLUNG :

 

Auszug aus der Erzählung „Ostwind“  

 

Der geheime Statthalter der OSTCOM in der Norder Altstadt-Gasse hat seine Order schon vor dem Treffen der Elite im Hause des Generals erhalten – man wußte, was man beschließt.

Des Generals Direktiven gehen noch in der selben Stunde, in der aus  seinem Jagdzimmer am Newska-Prospekt die maßgeschneiderten Produkte westlicher Konfektionäre verschwun-den sind, via Dwina-Kloster Richtung Westen – genauer, in das verträumte ostfriesische Norddeich. In das beschauliche Dorf am Rande der Krummhörn – in das Quartier Siegfried Högers. Nun sind es zwei Menschen in diesem Landstrich, die wissen welche Rolle der Teufel dem Idyll zuweisen will.

 

Diese beiden so verschiedenen Vertreter des männlichen Geschlechts befinden sich am darauf folgenden Morgen,  mit ihrem brisanten Wissen im Gepäck, an Bord der Fähre Frisia III auf halbem Wege zwischen Norddeich und Norderney. Man will die Liegenschaften auf der Insel in Augenschein nehmen. Von Bruder Siegfried in seinem schlichten Ornat nimmt kaum jemand Notiz, obwohl das Schiff, trotz des kabbeligen Wetters, gut besetzt ist.

Würdenträger aller Konfessionen und aller Couleur gehören zum Alltagsbild dieser Schiffslinie, rüber zum Staatsbad. Bruder Siegfried meint die Toleranz der holländischen Nachbarn, im Umgang mit andersartigen Menschenkindern, streiche über die ostfriesische Inselkette.

So ein bisschen mag er recht fühlen – der Westfale. Jan Grensemanns Erscheinung fängt sich da schon mehr hinterher laufende Seitenblicke aus amüsierten Gesichtern ein. Natürlich nur von Besuchserstlingen – wer ihn schon einmal gesehen hat, für den gehört er zum Bild der Landschaft.

Apropos Bild – ein Bild will sich der Erkunder aus den Weiten der russischen Ebene machen – ein Bild von dem allseits begehrten Objekt, für das bereits unschuldige Menschenleben geopfert wurden. Wie wertvoll und wichtig muß es sein, in einiger Leute Vorstellungen vom zukünftigen Lauf der Welt.

Das Bild, das die Reisenden in Sachen Immobilienbesichtigung am Hafen vorfinden, ist auch ein anderes, als die Erinnerung im Kopf von Bruder Siegfried gespeichert hat. Ein kleiner Stöpsel war er noch bei seinem ersten Besuch auf der Insel. Gemächlicher ging es zu – vor gut drei Jahrzehnten. Pferdedroschken belebten das Hafenpanorama. Gepflegte Landauer mit stämmigen Rössern davor, und mit urwüchsigen Kutschern auf dem Bock.

Die Benzinkarossen haben dieses Stück Vergan-genheit nahezu völlig verdrängt. Ein kleines bißchen Wehmut schleicht sich in sein Empfinden.

Als wenn Jan Grensemann Gedanken lesen kann, sagt er halblaut vor sich hin:

„Früher war es hier auch gemütlicher.“

„Das stimmt.“

Unwillkürlich mußte Siegfried seinem Begleiter zustimmen. Der wendet sein plötzlich gar nicht mehr so zerknittertes Gesicht, erstaunt seinem jungen Gast zu. „Waren sie denn schon einmal hier?“

Ein wenig Traurigkeit schaut bei der Antwort aus Siegfrieds Augen, wie wenn ein Schleier über sie hinwegzieht:

„Mhhm – vor gut dreißig Jahren. Es waren wohl die schönsten Tage meines Lebens.“

Als wenn er die Wellen der Erinnerung erst glätten muß, schweigt er eine Weile vor sich hin.

„Ein Kuraufenthalt, würde man heute sagen. Für mich war es die Wiedergeburt. Eine grässliche Hautkrankheit bin ich hier losgeworden. Seitdem habe ich keinen schöneren Platz kennen gelernt, als die Norderneyer Dünen.“

Plötzlich betrachtet der verschrobene Alte an seiner Seite ihn mit anderen Gefühlen.

„Und keine netteren Kindertanten!“

Verschmitzt lächelnd schiebt Siegfried diese Bemerkung noch hinterher.

„Oh – mein lieber, da kann ich sie beruhigen. In diesem Punkt hat sich bis heute hier nichts geändert!“

Obwohl diese netten Kindertanten Jan Grensemanns Blut mit Sicherheit nie in Wallung brachten – erfreut hat ihr Anblick ihn über die Jahre trotzdem. Ein Leuchten in den Augen verrät ihn. Der alte Knochen gerät direkt ins Schwärmen, als er fortfährt:

„Die männliche Jugend auf der Insel weiß das ganz bestimmt zu schätzen. Ich beneide sie direkt.“

Die erste Aussage hält Siegfried für eine zutreffende Vermutung, den zweiten Satz für nicht so ganz korrekt – angesichts seiner Kenntnisse über Jan Grensemanns private Leidenschaften.

Aber das behält er lieber für sich. Seinem Verlangen nach einem Fußmarsch über den Deich des Westbades hin zur Marienhöhe kann sich der Norder Advokat nicht verschließen, zumal ihn gegen die uniformierten Einheitsbusse jedesmal eine stille Abneigung befällt. Und ein Pferdefuhrwerk ist weit und breit nicht auszumachen. Erst im Damenpfad sichten sie den ersten Landauer, lassen ihn aber gemächlich an sich vorüberfahren.

Das letzte Stück des Wegs gehen sie dann auch noch zu Fuß. Die Tour zum Objekt der allgemeinen Begierde werden sie sich kutschieren lassen.

 

Am sorgfältig gedeckten Teetisch hinter den Panoramafenstern im Cafe` auf der Marienhöhe sitzen die beiden, im Grunde gar nicht so verschiedenen, Mannsbilder erst einmal eine Zeitlang in aussagekräftiges Schweigen vertieft.

Das Rauschen der Brandung und der Blick auf die, unaufhörlich von Nordwesten, anrollenden Wellen, hat die Gedanken der Männer auf die Reise in die Vergangenheit geschickt. Bis auf das knistern der Kluntje, in dem zerbrechlich wirkenden Teegeschirr, ist in dem weiten Innenrund der Gaststube kein Geräusch zu vernehmen. Sogar der ältere Herr, der drei Tische weiter sein Frühstück genießt, blättert lautlos in der Badezeitung. Die gute alte Badezeitung gibt es also auch noch, freut es Siegfried innerlich. Durch sein Kindheitsbild ruttert die mächtige Rotationsmaschine, die sie damals bestaunt haben, und druckt Sehnsuchtszeitungen.

Stille kann verflucht laut sein, denkt Jan Grensemann plötzlich in sich hinein. Zu Lebzeiten Berend Fleßners  saß er auch häufig an diesem Platz – allein. Dicht bei seinem Verlangen, und doch meilenweit entfernt davon. Stets die eiserne Regel befolgend, nach außen ein anderer zu sein.

Eine Mißachtung dieses Prinzips hätte ihn wahrscheinlich im moralischen Ansehen der Menschen auf die unterste Stufe, und die Staatsgewalt ihn mit Effet wegen Landesverrats hinter irgendwelche Gitter befördert. Ganz zu schweigen von seinen Geschäftspartnern, die zu Zeiten einer anderen Ideologie einmal seine Genossen waren.

Nur, solche Bande waren nicht so leicht zu lösen. Und jetzt sitzt er hier in diesem Cafe einem jungen Mann gegenüber, der ihm sein eigenes Werden ungewollt vor Augen führt. Zu gerne würde er die Entwicklung seiner persönlichen Lebensgestaltung rückgängig machen – was gäbe er dafür, wenn er es könnte!

Bruder Siegfrieds Gedanken laufen diametral zu denen des alternden Jan Grensemann – aber trotzdem zum selben Endpunkt. Er hat als kleiner Steppke damals häufig davon geträumt, einmal hier zu sitzen – in diesem vornehmen Rund. Jedesmal, wenn sie in langer Reihe an dem weißen Cafe vorüberzogen.

Er mit den ersten schwärmerischen Gefühlen, eines gerade zwölfjährigen, im Bauch – für die knapp siebzehnjährige Kindertante an der Spitze des Zuges.

Dieses knapp siebzehnjährige, wunderschöne Wesen mit den langen Haaren, das sein zaghaft erwachendes Verlangen nicht bemerkte. Weil – wie sollte sie auch – sie hatte selber den Bauch voller Schmetterlinge, die ein schmucker Junge, im gleichen Alter wie sie, da drinnen freigelassen hatte.

Dieses ziehende Sehnen beim Anblick eines Mädchens ist bei ihm nie wiedergekommen. Es war für ihn, den jungen, erfolgversprechenden Rechtsanwalt, mit ein Grund, weshalb er in den Orden eingetreten ist.

Um aufkommende Missverständnisse auszu-schalten – er pflegt keine Männerfreundschaften unter der Kutte. Wahrlich, dafür wäre das Kloster ein himmlischer Ort auf Erden – nur, diese Prüfung hat sein Gott ihm nie auferlegt. Dafür ist er ihm dankbar.

Das wird ihm jetzt und hier, an diesem Platz, bewußt. Er fühlt sich wie ein Planet zwischen zwei Sonnen – als Neutrum zwischen zwei Welten, das seine Bahn nicht verlassen kann.

Während die beiden Männer am morgendlichen Teetisch, hier im Kaffeehaus auf der Marienhöhe, lautlos nebeneinander herschwei-gen, ist in Siegfried Höger plötzlich wieder die Blüte der Sehnsucht ans Licht gekommen – hat die Massen durchdrungen, unter denen sie Jahrzehnte verschüttet war, und trotzdem nichts von ihrer Intensität verloren hat.

Als wenn es erst der vielen schrecklichen Ereignisse der jüngsten Vergangenheit bedurft hätte, um ihn wieder hierher zu führen – an den Ort seines ersten Fühlens.

Was ist mit ihm geschehen? Er verspürt das Bedürfnis, seinem immer noch still dasitzendem Tischnachbarn, davon zu erzählen. Und nicht nur davon erzählt er.

Er berichtet von den Geschehnissen an der Dwina, erklärt seinem Gegenüber seinen Auftrag, und gewinnt dabei immer mehr das Gefühl, sich auf einem falschen Weg zu befinden.

Jan Grensemann hört wortlos zu, schaut auf das schier endlos scheinende Wasser hinaus. Mit einem Blick, in dem sich sein ganzes, unerfülltes Leben verliert. Während seine Augen sich an der Kimm festsaugen.

Gut eine halbe Stunde dauert Siegfried Högers Monolog, von keinem Wort seines gebannt lauschenden Zuhörers unterbrochen. Der Inhalt dieser dreißig Minuten läßt den alten Mann einen Entschluß fassen. Einen Entschluß, der dem Teufel ein Bein absägt. Er hat nichts mehr zu verlieren – er kann nur noch vieles wieder gutmachen. Auf Siegfrieds Lebensbeschreibung hat er nichts geantwortet – jeder Satz hätte die frischen Farben auf diesem Gemälde ins Unkenntliche verwischt.

 

Zwei Tassen Tee nach dem letzten Laut besteigen sie einen von der freundlichen Bedienung herbeizitierten Landauer. Der Kut-scher auf dem Bock ist ein alter Bekannter Jan Grensemanns. Dementsprechend herzlich fällt die Begrüßung zwischen den beiden aus. Soviel Wärme in seinen Gebärden hat Siegfried dem hölzern wirkenden Alten gar nicht zugetraut.

Als wenn dieser die Ankunft am Ort der Entscheidung hinauszögern will, dirigiert er die Kutsche kreuz und quer durch den Ort.

Siegfried ist es nur recht, verstärkt es doch die Erinnerungen an den Wendepunkt in seinem Leben, so daß ein nahezu unzerrissenes Band daraus entsteht.

Keine Silbe über den eigentlichen Sinn ihres Aufenthaltes hört die Norderneyer Luft, während der Fahrt durch das schöne Städtchen, über die Lippen der Männer fließen.

Ein Einheimischer zeigt seinem Gast sein Zuhause – denkt ein jeder, der sie sieht.

Der Fuhrmann auf der Bank hinter dem Pferderücken ist bestrebt, diesen Eindruck nach Kräften zu unterstützen. Anekdoten aus seinem Kutscherleben, und bunte Erklärungen zu einzelnen Gebäuden, steuert er mit sichtbarem Vergnügen zur Unterhaltung bei.

Wenn der altgediente Pferdemann da vorne wüsste, wieviel Schicksal er im Moment in den Polstern seiner Kalesche über die schöne Insel transportiert – als ein knorriger  Meilenstein der Geschichte würde er sich fühlen, der Gute.

Bevor der Kutscher sie unweit des Kaps an ihrem Ziel absetzen wird, möchte Siegfried Höger eine ganz besondere Stelle in seinem Denken an damals neu beleben.

Lührs – dieser Name ist in seinen Gehirnwindungen zementiert. Willi Lührs, der damalige Bürgermeister seiner Insel – seine Insel, wie er sie bei sich schon wieder nennt – immer um die Kinder in den Heimen des Eilandes besorgt.

Die weichen Erinnerungen an die große, rundliche Tante Lührs mit ihrem strahlenden Mondgesicht – wie die Kinder immer sagten – sind ihm in all den Jahren nicht verloren gegangen. Wenn sie ihn, den sie wohl doppelt ins Herz geschlossen hatte, an ihre massige Brust drückte, fühlte er sich wie im Himmelreich. Die Erinnerung an die Bonbons, die über die Hecke kamen, wenn sie im Gänsemarsch vorbeizogen, die läßt ihn heute noch die Süße spüren.

Jan Grensemann ist ihm gerne zu Gefallen, und läßt den Mann auf dem Bock den kleinen Schlenker machen – zumal er oft selber Gast im Häuschen der Lührs war.

 

Als sie langsam um die Ecke von Siegfrieds Vergangenheitsstrasse biegen, steht unversehens noch ein Bild vor seinem inneren Auge.

Mag es der Hunger, den er jäh verspürt, oder der Anblick des Wäldchens mit der Wohnwagen-kulisse freigelegt haben. Auf jeden Fall hat er in Gedanken eine Eistüte vor sich – ein Booken.

Eistüte heißt seit seinen Erholungstagen auf der Insel im Wattenmeer bei ihm Booken. Einmal die Woche gab es für die vorbeiziehenden Heimkinder auf dem Waldcampingplatz eine Eistüte zum Nulltarif – Mama Bookens Herz für Kinder lag darin. Eingepackt in eine dicke Kugel vom leckeren, selbstgemachten Speiseeis. Milchmann Meyer brachte jeden Tag die frischen Zutaten für diese Köstlichkeit, mit seinem Dreiradgoli, auf den Zeltplatz.

Jede Kugel in diesen Eistüten wurde zu einem Baustein für ein ewigwährendes Denkmal, in den Herzen der kleinen, ärmlichen Sorgenkinder.

Der Kutscher auf dem Bock – mit seinem von der Last des Alters gebeugten Rücken – hat diese kleinen  Alltagsgeschichten, wie er sie nennt, auch nicht vergessen.

Ob sich hier auf der Insel wohl sonst noch irgendwer dieser „Banalitäten“ erinnert? Jan Grensemann läßt leise Zweifel laut werden. Obwohl, wie er nicht ohne Stolz hinterherschickt, vieles in dieser kleinen Welt bewahrt wurde.

 

Geschlagene zwei Stunden hat die Erinnerungs-Auffrischungsrundreise gedauert. Die Stunden waren es wert.

Der schrullige Auktionator und Rechtsbeistand war in den vergangenen hundertzwanzig Minuten  nach außen hin nicht sehr gesprächig – dafür führte er mit seinem inneren Schweinehund eine umso intensivere Unterhaltung.

Wenn ihn seine Ahnungen nicht täuschen, hat er mit seinem Besucher noch allerhand zu bereden – später in der Altstadt-Gasse in Norden, unweit der Kirche.

Zuerst einmal stehen sie in der Nähe des Inselkaps vor den wunderschönen Gebäuden, um die sich die ganze Geschichte dreht. In Sichtweite liegt der Dünengürtel, und im Rücken das altehrwürdige Seehospiz.

Sehr gepflegt – sehr gediegen – das ist Siegfried Högers erster Eindruck, den er von dem Anwesen in sich aufnimmt.

Aber auch sehr kostenträchtig, wie er schlüssig hinterher bemerkt. Dieser Kostenträchtigkeit möchte er sich am Nachmittag in aller Ruhe widmen.

Seine Ideen, die Zukunft dieses wunderschönen Ensembles betreffend, laufen nämlich schon mit Siebenmeilenstiefeln in eine völlig andere Richtung, wie in die von seinen Auftraggebern angedachte.

Auch in seinem Denken schlägt die Ahnung Wurzeln, in seinem Begleiter einen Partner gefunden zu haben, der ihn auf einem anderen Weg in die Zukunft begleitet.

Auch er trägt sich mit der Absicht, einige Dinge mit Jan Grensemann zu klären – später – in dem Kontor in der Norder Altstadt-Gasse, unweit der Kirche.

Zuerst aber steht die Sonne hoch im Mittag, sein Hungergefühl gibt keine Ruhe, und er möchte sich vorher noch ein Herzensanliegen erfüllen.

Von Jan Grensemann kommt kein Einwand, als Siegfried Höger sich umwendet, und die zweihundert Schritte zum Eingangstor des Seehospiz zurück legt.

Bevor er sich mit so profanen Dingen wie Kostenrechnung, und so lebensgefährlichen Dingen wie eigenmächtiges Handeln gegen die Interessen seiner Oberen beschäftigt, möchte er den Ort wiedersehen, an dem man ihm sein zweites, sein anderes Leben gab.

Es werden zwar nicht mehr dieselben Menschen sein, aber er hofft, die gleiche Güte anzutreffen, wie zu seiner Kinderzeit. Er will von jetzt an alles anders machen.

 

Hier und heute soll der Anfang sein.

Er beachtet nicht die großen Türen des Haupteinganges, auf den sein Begleiter zusteuert – ihn zieht es durch den Torbogen auf das innere Gelände.

Auch hier beachtet man ihn nicht mehr, wie jeden anderen Besucher. Natürlich mit dem nötigen Respekt vor seiner geistlichen Würde, aber das war’s denn auch schon.

Er ist froh darüber, ungestört die alten Wege gehen zu können, froh darüber, das gleiche fröhliche Lachen zu vernehmen, daß ihm dreißig lange Jahre in den Ohren geklungen hat, wenn er nur an seine Zeit hier dachte.

 

Irgendjemand ist er denn doch wohl anders aufgefallen wie die anderen Besucher. Aus einem Seiteneingang kommt mit sicherem Schritt eine relativ junge Diakonisse auf ihn und seinen Begleiter zu, Donnerwetter, denkt er – dieses schöne Weib ist aber selbstbewusst und energisch. Er denkt tatsächlich schönes Weib! Die wieder aufgetauchte Knospe seiner Sehnsucht schaut aus seinen Augen, als sie direkten Kurs auf ihn nimmt.

Ihre Erscheinung passt irgendwie in diese Umgebung – in dieses Arrangement von Backsteinbauten aus der Kaiserzeit – mit dem vielen Grün dazwischen.

Nicht das sie ebenso altehrwürdig ausschaut – keineswegs.

Eher jugendlich und frisch, wie sie mit federnden Schritten daherkommt.

Ihre Formen sind es – die Formen ihres Körpers, die durch ihre Tracht nicht kaschiert werden – und das Strahlen ihrer grünen Augen, die mit dem Glanz der gerade erblühten Magnolien wetteifern.

Wenn er es noch richtig weiß, kam sie aus der Tür zur Wäscherei. Eigentlich nicht der rechte Aufenthaltsort für eine solche Erscheinung.

Was ist mit ihm los? Gedanken überfallen sein Denken, an die er seit seiner Pubertät nicht eine Sekunde Zeit verschwendet hat.

Verschwendet – denkt er erschrocken, kann Denken an Liebe Zeitverschwendung sein? Es geht Siegfried Höger auf, daß er wahrscheinlich sehr viel in seinem bisherigen Leben versäumt hat.

„Guten Tag, meine Herren – ich bin Schwester Christa. Kann ich etwas für Sie tun?“

Sekundenlang – oder sind es gar Minuten – ist Siegfried Höger nicht in der Lage, eine Erwiderung über die Lippen zu bringen. Der Klang ihrer Stimme hat ein riesengroßes Loch in sein Empfinden gerissen.

Bevor er sich ganz in dieser Endlosigkeit verliert, rettet Jan Grensemann schon die Situation, und stellt sie beide der Augenweide von Schwester vor.

Ohne näher auf den eigentlichen Anlaß ihres Besuches auf der Insel einzugehen, erklärt er mit wenigen Worten Siegfrieds Funktion und Herkommen.

„Bruder Siegfried kommt aus einem russischen Kloster –  die Sehnsucht nach seiner Jugend hat ihn hierher getrieben.“

Fragender Zweifel huscht über das Gesicht der hübschen Schwester, wie wenn ein Nebelschleier dem Sonnenschein einen Besuch abstattet.

„Haben wir einen Termin versäumt?“ – will die Stimme, die das Loch in Siegfrieds Empfinden gerissen hat, mit leichtem Bedauern wissen.

Immer noch kann er kein Wort hervorbringen – dieser geschliffene Wortfuchs, der – wegen seiner messerscharfen Plädoyers – vor den Gerichten gefürchtet war. Wieder springt Jan Grensemann in die Bresche.

„Der Zufall – ich weiß nicht ob ich Schicksal sagen darf – hat uns hierher geführt, Bruder Siegfried und mich.“

Um ein Haar wäre es dem gewieften Geheimdienstler wie vielen Männern in dem Metier ergangen, denen eine schöne Frau die Sinne verwirrte. Fast hätte er Geschäftspartner gesagt.

„Da wir schon einmal hier sind, würde er gerne die ehrwürdige Schwester Oberin kennen lernen.“

Ein glockenhelles Lachen springt über die Wiese zwischen den alten Mauern dahin. Irgendwo im Gemüsegarten verschwindet es in den Ackerfurchen.

Es gibt ihn noch, den Garten. Er war schon unter der gestrengen Oberin Theodora ein Kleinod innerhalb der Umfassungsmauern.

Als das erfrischend klingende Lachen nicht mehr zu hören ist, kommt im gleichen Ton hinterher:

„So, so – die ehrwürdige Schwester Oberin möchten Sie kennen lernen – bin ich ihnen ehrwürdig genug?“

Jetzt endlich hat Siegfried Höger die Sprache wieder gefunden. Jan Grensemann zweifelte schon leicht an seinem Verstand.

„Du bist – äähh – Sie sind die Schwester Oberin?“

Irritation ob seines Wortspiels breitet sich im Gesicht der Oberin aus – weicht im Zeitlupentempo einem Ahnen des verborgenen Wissens.

„Kennen wir uns“ – es ist keine Frage, wie sie das sagt. Für jeden, der hören kann, heißt das:

„Wir kennen uns!“

Der vom Leben trainierte Jan Grensemann sieht im gleichen Moment Berge von Gefühlssalat auf die beiden Menschen neben sich zukommen. Bloß aus welcher Richtung das Gemengsel kommt, das ist ihm noch unklar.

„S o m m e r  1 9 6 2 – der schüchterne blonde Junge – der mir immer Strandnelken gepflückt hat ???!!!

Wie ein langgezogenes Gummiband bringt die Oberin die Worte ans Licht. Siegfried Höger kann es nicht fassen, seine Kindertante hier als Schwester Oberin anzutreffen – und begreifen kann er schon gar nicht, daß sie sich an ihn erinnert – sich erinnert an den zwölfjährigen Steppke, der seine Kindertante anhimmelte, wie ein unschuldiges Kalb den Mond.

Auch Schwester Christa benötigt ein paar Atemzüge, um wieder normal sprechen zu können.

„Ich glaube, wir haben uns viel zu erzählen. Aber jetzt ist gleich Tischzeit – meine Schäfchen warten auf mich.“

Bei dem Wort Schäfchen sitzt das gleiche schalkhafte Lächeln in ihren Augenwinkeln wie vor dreißig Jahren, wenn sie damals ihre Schäfchen um sich sammelte.

„Darf ich euch einladen, uns Gesellschaft zu leisten – oder habt ihr schon gegessen?“

Sie sagt unbefangen und direkt euch, als wenn man erst gestern auseinander gegangen ist.

„Es wäre zu schade . . .“

  Was zu schade wäre, das heraus zufinden, überläßt sie den beiden Männern.

Ohne eine hörbare Antwort abzuwarten, faßt sie Jan Grensemann und Siegfried mit einem leichten, aber bestimmten, Griff an den Armen, und schlägt den Weg zum Speisesaal ein.

Beide lassen es ohne Widerstreben geschehen. Sie sieht aus, wie ein Engel mit übergroßen Flügeln, der entschlossen seinem Ziel zustrebt – schießt es dem alten Mann durch den Kopf.

Der weitläufige helle Raum, den sie gleich darauf  betreten, ist nur gut zur Hälfte besetzt. Kinder aller Altersgruppen und junge Erwachsene in bunter Mischung schwadronieren in allen Sprachen durcheinander.

„In unserer“ – sie sagt wie selbstverständlich in unserer  „gemeinsamen Zeit war hier mehr los.“

Ein Anflug von Traurigkeit ist in ihrer Stimme zu vernehmen, als sie über die Köpfe blickt, und – wie zu ihrer Entschuldigung – erklärend fortfährt:

„Es fehlt uns an Geld – die Mittel reichen hinten und vorne nicht.“

Man spürt ihre innere Wut, als hinterher kommt:

„Immer wird die schlechte Finanzlage vorgeschoben – wenn es um Hilfe für die Kinder geht.“

Schwester Christa holt tief Luft, bevor es förmlich aus ihr heraus bricht:

„Die Menschen in tiefe Not und Armut zu stürzen – dafür werden die Milliarden nur so aus den Ärmeln geschüttelt. Überall!“

Siegfried sieht erstaunt, wie sie bei ihren letzten Worten die schlanken, schönen  Hände, die so energisch zufassen können, zu Fäusten ballt.

„Da hinten – da am Ecktisch – sitzen ein paar unschuldige Opfer des Golfkrieges!“

Ihre Stimme versagt ihr fast den Dienst, als sie ein kleines Mädchen aus diesem Kreis in ihre Arme nimmt.

„Wir haben alle gemeinsam an den alten Herrn Bush, da in seinem feinen Weissen Haus in Washington, letzte Woche einen langen Brief geschrieben.“

Sie streicht dem zaghaft lächelnden Kind zärtlich über den kahlen Kopf.

„Wir haben ihm danke gesagt, für seine guten Taten – und für jedes Kind einen Pfennig  beigelegt, damit er noch mehr Bomben bauen kann – – – das Kinderleid auf der Welt ist in seinen Augen wohl immer noch nicht groß genug. Vielleicht versteht er uns.“

 

Nicht nur Siegfried fühlt, wie ihn das Grauen kalt berührt. Er sieht auch bei Jan Grensemann Blässe in den Falten seines Gesichts auftauchen. Sein Entschluß, etwas anderes zu tun als sein Auftrag ihm vorschreibt, stand schon am Morgen fest – jetzt ist er unumstößlich geworden.

Spontan setzt er sich zu den Kindern an den Tisch. In ihren großen, dunklen Augen sieht er die Wunden ihrer Seelen um Hilfe rufen.

 

Seine schwere Kriegskasse, wie er sie bis jetzt bezeichnete, drückt ihm schon seit geraumer Weile die Luft ab – zieht sein Gewissen förmlich zu Boden.

Buchstaben und Zahlen schreibt er in ein Heft, daß er aus seiner Rocktasche geholt hat. Als er wieder aufsteht, und sich umwendet, drückt er der Schwester Oberin wortlos ein Stück Papier in die Hand.

Es ist ein Scheckformular der Deutschen Bank.

Die Minuten, welche die Oberin benötigt, um zu begreifen was darauf geschrieben steht, scheinen wie ein totes Stück Zeit, in das mit einem lauten Jubelschrei aus ihrer Kehle das Leben zurück kehrt.

Zweihunderttausend Deutsche Mark steht da wahrhaftig geschrieben. In Ziffern und in Worten.

Außer diesem lauten Schrei bringt sie nichts zustande.

Kristallene Stille herrscht im Speisesaal. Alle kennen Tante Christa – Tante Christa ist sie, trotz aller Würden, über die Jahre für die Kinder geblieben – also, alle kennen sie als freimütig und unkonventionell, aber diesen Ausbruch von Freude, so etwas hat hier noch niemand erlebt.

Fünf Minuten später hält sie von Jan Grensemann – diesem schrulligen, angestaubten Winkeladvokaten aus der Norder Altstadt – eine zweite Zahlungsanweisung, über eben den gleichen Betrag, in der anderen Hand.

 

Was in diesem Augenblick passiert, ist wohl schon eine Ewigkeit her, daß es jemand gesehen hat.

Die ehrwürdige Schwester Oberin, des – ebenso ehrwürdigen – Seehospiz Kaiserin Friederike, auf der Nordseeinsel Norderney, küsst in aller Öffentlichkeit nicht nur einen – nein, sie küsst gleich zwei Männer – begleitet vom klatschen der anwesenden kleinen und großen Hände.

So wird es im Buch der Geschichte vermerkt stehen.

Im Buch der Geschichte wird auch vermerkt stehen, das die Mutter Generaloberin im fernen Fulda der Schwester Oberin auf Norderney, auf Drängen des Konsortiums, wegen ihres Verhaltens einen ernsten Verweis erteilte. Salopp ausgedrückt – die verknöcherten männlichen Moralkonsorten in der Ordensleitung haben ihr einen dicken Rüffel verpasst.

Dieser Rüffel sauste aber an ihr vorbei, und verlor sich, irgendwo in den Wolken am Horizont, über der Nordsee.

Einer Schwester Oberin, die plötzlich vorsitzende Geschäftsführerin einer Stiftung mit millionenschwerem Fundament ist, kann so ein ernsthafter Verweis aus kirchlichen Elfenbein-türmen ebenso wenig schaden, wie ein kräftiger  Pferdefurz dem lauen Sommerwind über der Insel.

Das es gleichzeitig der Beginn einer echten, tiefen Freundschaft zwischen zwei grund-verschiedenen Männern ist, das wird kein Historienschreiber je irgendwo zu Papier bringen.

In derselben Stunde noch bekommt eine kleine Anzahl von Menschen auf dem Eiland Schluck-beschwerden im Denken, und einiges zu tun.

Von diesem Nachmittag an – die Uhr, im Notariat von Dr. Sägemüller in der Poststrasse, zeigt exakt die dritte Nachmittagsstunde, als die kleine Runde die Dokumente abzeichnet – ist die Diakonissenschwester Christa Ahrenholtz – wie ihr bürgerlicher Name lautet – Sachwalterin der Stiftung: Kinder in Not.  

Die notwendigen Eintragungen in die Gerichts-register sind nur noch reine Formsache.

Es ist später Nachmittag geworden, als Siegfried Höger zum ersten mal das nachbarliche Fleßnersche Anwesen betritt. Es war bei der Dampferabfahrt am Morgen in Norddeich zwar nicht so geplant, aber die kommende Nacht werden Jan Grensemann und er auf der Insel verbringen.

Das Schicksal will schließlich sein Spielchen spielen.

Dem Verwalter steht für solche Fälle ein Teil des Ostflügels zur Verfügung. Berend Fleßners ehemalige Wohnung. Die anderen Räumlich-keiten in den Gebäuden sind leer. Der mit Jahresende ausgelaufene Kontrakt der Vormieter hat diese Situation geschaffen.

Bewusst wurde auf Anschlussverträge verzichtet.

Wenn nicht so ein inselverliebter Flußrusse, da irgendwo in den Weiten der ostischen Ebenen, der auch noch einen sturköpfigen, halsstarrigen und unendlich wütenden Pjotr Iwanowitsch Josef Gorki seinen Freund nennt, von den Nachlassforschern als Erbe aufgespürt worden wäre – die Sache läge längst in trockenen Tüchern.

Dank sei der deutschen Justiz und ihrer Gründlichkeit.

Das denkt und sagt jetzt auch – allerdings mit einem anderen Vorton wie noch vor drei Tagen – der Auktionator und Rechtsbeistand Jan Grensemann aus dem verschlafenen ostfriesischen Teestädtchen Norden.

Mit großer seelischer Erleichterung, wie er Bruder Siegfried, als sie alleine sind, freimütig gesteht.

Siegfrieds Informationen über die biogenetische Forschungsstätte Kusnezows – die übrigens Jonathan aus des Generals geheimen Archiven filterte – haben nicht unerheblich zu diesem Sinneswandel beigetragen.

 

Nachdem das – für heute zugegeben ungewöhnliche – Tagesgeschäft  für sie zu Ende ist, das heißt, sie hat schlicht und einfach Feierabend, wechselt die Schwester Oberin in das, nur ein paar Schritte entfernte Domizil der beiden so unterschiedlich wirkenden Wohltäter. Man hat sie auf ein Gläschen Wein eingeladen.

Da sie trotz ihrer Tracht ein lebensbejahendes Frauenzimmer geblieben ist, das weiß was es will, braucht sie auch keinen Anstands-Wauwau.

Lange fällt noch an diesem Abend der gelbe Schein der Wandleuchten auf die drei Verschwörer – da im gemütlichen Wohnzimmer des Ostflügels der Fleßnerschen Villa.

Verschwörer ist ein Gedankenblitz der Schwester Oberin. Wenn sie um die Geschehnisse und die Hintergründe – wenn sie um das viele Blut wüsste, auf dem die ganze Geschichte schwimmt, die Bezeichnung Verschwörer hätte sie verbrannt, bevor sie ihr über die Lippen huschte.

Der neue Tag legt schon seine Kleider zurecht, als Jan Grensemann sich in die Koje verzieht. Den Ausdruck Bett hört man von ihm nur bei offiziellen Anlässen.

Das Wort Koje ist der Nachhalt einer engen Verbindung zu seiner Torfmuttje, die in der Nähe von Leer am Ufer der Ems vertäut ist. Sie ist sein zweites Zuhause geworden.

Das er Siegfried und der Schwester Oberin das Schiff zu einem Wochenendausflug angeboten hat, trägt auch den Stempel der Einmaligkeit.

Er mag zwar altersmäßig schon jenseits von Gut und Böse sein – wie einer seiner Kontrakteure einmal nach dem zehnten Doornkaat etwas stumpfsinnig bemerkte – aber das er jetzt, in dieser Dreierrunde, ziemlich fehl am Platze ist, das fühlt er mit der gleichen Sicherheit, mit der ein Bernhardiner von Lawinen verschüttetes  Leben aufspürt.

 

Was in der gemütlichen Wohnstube des verstorbenen Berend Fleßner zwischen Christel und Siegfried geschieht, bis das der neue Tag seine Kleider endgültig anzieht – das bleibt ein Geheimnis der Nacht.

Der frisch frisierte neue Morgen hört und sieht auf jeden Fall, eine überaus glückliche, mit sich und  ihrer persönlichen Welt zufriedene, Schwester Oberin durch die, noch leeren Korridore ihrer Wirkungsstätte schweben.

 

Auf wunderbare Weise hat ihr Lebenskreis nach langen Jahren wieder in die vorgezeichneten Bahnen gefunden. Die Gleise der Liebe sind eine glückliche Spur.

Ein paar Armspannen über die Umfassungs-mauer hinweg, Richtung Osten – im Bad der Verwalterwohnung der Fleßnerschen Immobilie – bewegt sich Siegfrieds Inneres auch wieder in den vorgezeichneten Bahnen seines Lebens. Nur – bevor er darin ungehindert weiterfahren kann, muß er noch sehr viele Hindernisse wegräumen.

Die ersten Brocken hat sein väterlicher Freund zu nachtschlafener Zeit schon für ihn aus dem Weg geräumt.

Der Tag stand auf der Insel noch in der Unterwäsche, da erreichten den Freund über Satellitenfunk aus dem fernen Moskau die ersten Nachrichten. Nachrichten ist eigentlich zu zivil ausgedrückt – konkrete Anweisungen seines Führungsoffiziers ist zutreffender. Nur wie gesagt – ihn schert es jetzt den Teufel. Er reagiert nicht mehr auf das  Peitscheknallen aus dem Osten. Ihm kann man nicht mehr allzu viel Salz in die Suppe streuen – sein Teller ist fast leer gegessen. Von seinen restlichen Energien sollen die jungen Leute profitieren, da wird er alles dransetzen.

 

Während im Wohnzimmer, nicht weit von ihm entfernt, in der Restnacht zwei Leben erblühten, legte er in seinem Zimmer die Fundamente für die Zukunft des Fleßnerschen Hauses.

Da er, von Berend Fleßner testamentarisch fest-gelegt, der Sachwalter der Liegenschaften ist, verfasst er noch in der Nacht ein Kaufangebot an den Erben im fernen Rußland. Ein Angebot, nach den Erzählungen Siegfrieds ausgerichtet, dem Gregori Neumann garantiert zustimmen wird.

Zumal der alte Herr die Grenzen seines eigenen Blockes kennt – und durch Bruder Siegfried, Gott sei Dank, auch die der anderen. Nur, auf ihre beiden Köpfe muß dieses Wissen beschränkt bleiben, bis alles unter Dach und Fach ist.

Wenn die Tinte unter den Verträgen trocken ist, wird man sich auf östlicher Seite keine öffentlichen, grenzüberschreitenden Scheuß-lichkeiten erlauben.

Einen Aufschrei der Landeskirchen, in dieser filigranen politischen Lage der Nachkommunis-tischen Anfangszeit, wird man auch in Moskau nicht riskieren.

Sollte ihm, als Folge seines Handelns, persönlich etwas zustoßen, nimmt der alte Mann es hin. Zu oft hat er in seinem Leben schon sein Leben verspielt – es schreckt ihn nicht mehr.

Er hat in dieser Nacht sein Haus bestellt.

Die gestrigen Worte der Schwester Oberin, und die gequälten Seelen in den Augen der Kinder  lieferten ihm das Rüstzeug dafür.

 

Käuferin des gesamten Areals ist die Stiftung „Kinder in Not“, als deren Sitz die Kreisstadt Aurich eingetragen sein wird.

Den Kaufpreis in Höhe von 800.000,oo DM hat ein unbenannt bleibender Gönner auf den Tisch der Hausbank gelegt. Dem Erben als Verkäufer – und seinem halsstarrigen Freund – steht ein unübertrag- und unveräußerbares Wohnrecht in dem Komplex zu.

 

Jan Grensemann schläft, nachdem er das Vertragswerk in allen Einzelheiten ausgefeilt hat, bis in den späten Vormittag des neuen Tages hinein.

Jede Fußangel und jeden Stolperstein in den Texten, hat er nach Möglichkeit aus dem Weg geräumt. Ruhe ist in Jan Grensemanns Gewissen eingekehrt.

In seinem Leben sah ihn noch kein Vormittag schlafend – soweit er sich erinnern kann. Auch diese Wende gehört zu seinem neuen Weg.

Siegfried fand am Morgen auf dem Küchentisch nur die knappe handschriftliche Empfehlung, bis zu seinem – Jan Grensemanns  – auftauchen aus der Schlafwelt, sich tot zu stellen. Kein Nachsatz, keine Erklärung. Gerade dieser Umstand ist es, der ihn dem Rat folgen läßt.

Wie schon gesagt wurde – nichts geschieht ohne Grund, es sei denn ein Dreieck ist rund. Die alte Kant’sche Erkenntnis beweist erneut ihre Gültigkeit.

In ihrem gefährlichen Metier gehört diese Regel zur Basis des Überlebens.

Traue keinem Menschen, nicht mal dir selbst, denn – wenn du dir selber traust, bist du schon halb verraten!  Der General war es, der diesen Satz in ihre Köpfe gehämmert hatte. Keinem zu trauen, war des Kosaken  eisernes Prinzip.

In Rußland – und nicht nur in Rußland – eine Weisheit, die, in der Eiseskälte des Untergrundes, warmes Leben atmete.

 

Eine Rufweite entfernt lenkt an diesem Vormittag die Schwester Oberin ihre Schritte schon ein paar mal unversehens Richtung Draußentür – als wenn sie jemand entgegen-gehen wollte.

Bei jedem Bemerken wendet sie sich wieder um. Ein- zweimal ertappt sie sich dabei, daß sie vor sich hin trällert. Ein Lied aus den Anfangs-Sechzigern. Ob es Rocco Granata war, der damals mit seiner Marina die jungen Herzen füllte, weiß sie nicht mehr sicher. Aber ganz unoberinnenhaft ist ihr das heute morgen auch piepegal.

Bei soviel nächtlichem Sonnenschein im Herzen ist es denn auch nicht verwunderlich, daß sie in der Kaffeeküche den Salztopf mit dem Zuckertopf verwechselt. Auch das trübt bei ihr kein bisschen den Glanz des Morgens.

Der Glanz des Morgens verwöhnt auch den Grund ihrer Freude – als am späten Vormittag der ausgeschlafene, fröhlich pfeifende Jan Grensemann aus den Schluchten der Schlafnacht im Wohnzimmer auftaucht.

Ein wenig vom Strahlen der Nacht geht aus Siegfrieds Gesicht verloren, angesichts der vielen eng beschriebenen Seiten, die sein Norder Quasikollege vor ihn auf den Tisch legt.

Zweifel, an der Durchführbarkeit des Planes, schleichen sich, nach zwei Stunden intensiver Prüfung, auf Kreppsohlen in seine grauen Zellen ein. Seine Unsicherheit beruht wohl auf der kürzeren Erfahrung im Metier.

Die vielen Klippen – die der ergraute Rechtsbeistand Grensemann  im kalten Krieg umschiffte – verleihen diesem eine größere Sicherheit. Verkrustete Narben in der Seele erleichtern ihm die Einschätzung der Reaktionen kaltblütiger Drahtzieher im Hintergrund.

Siegfried Höger überläßt ohne Grimmen im Bauch dem alten Wolf die Führung in diesem Dickicht.

Was sie jetzt für die nächsten Tage benötigen, ist ein ganz großer Mantel, mit dem sie alles bedecken können – einen Mantel des Schweigens.

Wenn auch nur der leichteste Geruch des Bratens, den die beiden Männer gestern in die Röhre geschoben haben, mit dem Westwind nach Osten getragen wird, bevor er angerichtet auf der Tafel steht, schauen sie in die Hölle. Soviel ist sicher. Darüber sind sich die beiden Strategen einig.

 

Einigen muß Siegfried auch schnellstens sein gespaltenes Innenleben. Das Konzept dafür kennt er noch nicht. Auch da mangelt es ihm an Erfahrung, dem erfahrenen Rechtsanwalt aus dem ostfälischen Westfalen.

Morgen, im Laufe des Vormittags, werden er und Jan Grensemann durch die Luft aufs Festland hüpfen. Der Auktionator hat da so seine Beziehungen.

Vorher muß er Christa – Christel singt es in ihm, die Schwester Oberin haben sie heute Nacht zwischen sich begraben – vorher muß er Christel noch einiges an schwerer Kost servieren. Proben der Vorspeise hat sie im Morgengrauen mit leichtem Zögern zu sich genommen. Beim Hauptgang, so fürchtet er, wird es schwieriger werden.

Jan Grensemann hat am Nachmittag auf der Insel einiges zu erledigen.  Geschäfte, bei denen er besser alleine ist.

 

Siegfried faßt die Gelegenheit beim Schopf, und schlägt Christel einen Spaziergang durch die Dünen vor.

Die läßt sich nicht lange bitten, macht ein paar Änderungsstriche im Dienstplan, und eine halbe Stunde später steht sie parat.

Der hoffnungsvoll Wartende reibt sich verwundert die Augen – ist das „seine“ Oberschwester, die da in lockerer Freizeit-kleidung vor ihm steht? Sie ist es unzweifelhaft – diese strahlenden Augen gibt es nur einmal auf der Welt.

Am alten Kap vorbei führt sie der Weg in die, noch unberührten, Sandberge. Der Wind kräuselt sacht die Hänge hoch. Nicht lange mehr, dann sieht es hier anders aus.

Ein Kiebitz schreit hoch in der Luft sein helles Kiewitt. Für den Vogel da oben ist es leicht, sich zu erklären – Siegfried tut sich ungemein schwerer, seine Worte fließen zu lassen. Nach einem holprigen Anlauf ist aber nach ein paar tausend Schritten alles draußen.

Er fühlt sich wie im Auge eines Wirbelsturmes – so beängstigend still ist seine Begleiterin geworden.

Das engelsgleiche Wesen an seiner Seite hat nur zugehört. Nicht der Ansatz einer Frage ist zu vernehmen gewesen. Nur der feste Druck ihrer Hand hat nicht nachgelassen – nicht einen Atemzug lang.

 

Sie haben in der Zwischenzeit eine bestimmte Dünenkrone erreicht. Ihre Füße fanden von selber den Weg.

Auf der Dünenkrone steht noch immer der pilzförmige Wetterschutz, um den herum die Kindergruppe früher mit Vorliebe die Nachmittage verbrachte.

Es ist der Platz, an dem Tante Christel ihnen Geschichten erzählte. Es ist der Platz nahe dem Himmel, wo das damals siebzehnjährige Mädchen zur Frau wurde – in der ersten Mainacht vor dreißig Jahren.

Allein das weiß Siegfried aber noch nicht. Er erfährt es erst nach der gründlichsten Kopfwäsche seines Lebens. Wie ein Herrgottsgewitter fällt es über ihn her – nach einer langen Pause des Schweigens.

Und so, wie in der Natur die Schäfchenwolken sich am klaren Himmel zeigen, wenn die schwarzen Wolken, der Blitz und der Donner die Luft gereinigt und sich verzogen haben – so passiert es den beiden reifen Menschenkindern in der ersten Mainacht diesen Jahres am schicksalsträchtigen Platz.

Erzählen von einer schöneren Liebesnacht sucht man im Geschichtsbuch der Insel vergebens.

Die blanke Sichel des Mondes ist schon eine Weile über ihnen hinweggezogen. Nur die Sterne blinkern noch vertraulich, als sie sich im Torbogen voneinander trennen. Die Schritte fallen ihnen schwer. Ein Ganzes geht in zwei Hälften seinen Weg in den Morgen. Einem Morgen, der der Anfang eines neuen Lebens wird.©ee

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2 Gedanken zu „Auszug aus der Erzählung „Ostwind“

  1. Eine interessante Lektüre !

    G. l. G. Jochen

    Gefällt 1 Person

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