„Der Weg nach Hause“

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„ Der Weg nach Hause “

 

Lagerleben.

 

Die glitzernden Flächen der sumpfigen Ebene sind an der dahineilenden, ratternden Schlange vorbei gezogen. Wie Inseln in einem großen Meer tauchen vereinzelt kleine Gruppen von Büschen und knorrigen Bäumen auf. Sie bieten den hin- und herwischenden Augen für einen Moment Halt auf ihrer Reise durch die Unendlichkeit.
Ein freundlich dreinblickender, intensiv an einem Pfeifenstummel suckelnder, älterer Mann hat sich zu ihr gesellt.
Wahrscheinlich ist ihm die Sprachlosigkeit als Reisebegleitung nicht genug, denn er hebt nach einer Weile stummen Schauens zu erzählen an.
Zuerst scheint es Kathinkas zusammenhanglos zu sein – gerade so, als wenn er die Seiten in einem Buch sortieren würde. Dann beginnt sein Reden in Sätze zu fließen – in Sätze, die sich auf seltsame Weise in ihre Gedanken einfügen.
Wie es hier wohl sein mag, ohne die Harnische des Winters – geht es Katharina durch den Kopf. Im gleichen Augenblick kommt aus dem Munde des alten Mannes:
„Des Sommers, wenn der eisige Panzer sich nach Norden verzogen hat, sind riesige Bagger dabei, die Sümpfe trockenzulegen – wie urzeitliche Spinnen, die auf hohen Beinen über das Moor schreiten, muten sie an.
Sie dienen der Torfgewinnung für die Kessel der Kraftwerke zur Stromerzeugung. Es ist billige Energie für Westeuropa und Futter für die Geldsäcke.“
Nachdenklich dreinschauend kaut er auf seinem Pfeifenstummel – als wenn dieser die wichtigste Sache der Welt für ihn ist.
Warum erzählt der alte Mann mir das, denkt Katharina. Man kann doch nichts von diesen Ungetümen sehen.
Gerade so, als wären ihre Gedanken laut durch das Kabinett gepoltert, und hätten den Alten in der intensiven Beschäftigung mit seinem Pfeifenstummel gestört, so schrickt er auf und nimmt den Kolben aus dem Mund.
„Ich bin unterwegs nach Kilingi-Nomme“ er spricht wie nach innen gewandt – wie zu sich selbst. Indem er den erloschenen Pfeifenkopf an seinem Stiefelabsatz ausklopft, fährt er mit leicht singendem Tonfall in seinem Erzählen fort.
„Dort – in einem riesigen ………… Depot“ – Katharina fühlt in sich, daß er Lager sagen wollte. Was hat ihn zögern, und Depot sagen lassen?
Mit belegter Stimme fährt er fort: „da überwintern die Geräte und Maschinen. Ich muß alle Woche dorthin und nach dem Rechten sehen, damit mit einsetzen der Schneeschmelze sofort wieder mit der Arbeit begonnen werden kann. Es ist nicht leicht für mich, aber es sichert mir mein Tagesbrot, ab und an ein kleines Schlückchen Wässerchen und ein bißchen Machorka. Obendrein hab ich dadurch ein Dach über dem Kopf – wenn auch ein nicht viel Besseres als in den Lagern – aber es ist ein Dach.“
Ein paar Bauminseln des Schweigens ziehen an den frostbemalten Abteilfenstern vorüber.
Katharina spürt, der alte Mann erwartet keine Antwort von ihr. Er setzt seinen Monolog fort. Gerade so, als wenn er glücklich ist, endlich einen Menschen gefunden zu haben, der ihm einmal zuhört.
„Zweiundachtzig Winter hab ich schon überlebt – in den letzten sechzig Jahren hab ich nach jedem Winter gehofft, es wäre der schlimmste und der härteste in meinem Dasein gewesen – und jedesmal kam es dann noch schlimmer und noch härter. Dabei waren die Winter oftmals noch gnädig – die Sommer in den Sümpfen sind wie das Herz der Hölle. Winters hatten wir wenigstens frisches Wasser die Fülle – aus dem geschmolzenen Schnee. Des Sommers da faulte das kostbare Naß in den Tümpeln und war die Brutstätte für große blutgierige Stechmücken. An den Leben spendenden Fluß durften wir nur alle vierzehn Tage für ein paar Minuten.“

Er fährt mit leicht fahrigen Bewegungen seiner knochigen Hände über seine Joppenärmel, als wenn er die Stechmücken, von denen sie damals gepeinigt wurden, wegwischen wolle. In dieses Wischen hinein laufen, kaum wahrnehmbar, die Worte:
„Dieser Winter ist der dreiundachtzigste.“
Er zieht ein großes, buntkariertes Tuch aus seiner Rocktasche – streicht sich verlegen damit über die Augen, und schneuzt sich, wie zur Entschuldigung, geräuschvoll die Nase. Katharina fragt still in sich hinein, wie lange der freundliche Alte neben ihr wohl noch den dornigen Weg seines Lebens gehen muß

Als die kleine gebeugte Gestalt zu sprechen fortfährt, klingen die Worte wie durch rostigen Stacheldraht gezogen.
Zerrissen, abgehackt, spröde – mühsam sich zusammenfindend, so füllen sie das Dämmerlicht des Kabinetts.
„Sechzig davon war ich in diesem Lager. Fünfzig Jahre durfte ich nicht – und nun kann ich nicht mehr fort.“

Katharina merkt, wie dem alten Mann ihr gegenüber die Stimme versagt.
Sie schweigt in den dunkler werdenden Tag. Der Alte nestelt aus seinem Rückensack einen verwitterten Tabaksbeutel hervor. Er greift mit der Hand hinein stopft mit dem Krüllschnitt, den er zwischen seinen Fingerspitzen hält, umständlich den Kopf am Ende des Pfeifenstummels.
Ein Zündholz flammt auf und ein paar kräftige Rauchwolken wirbeln um seinen Kopf, als wenn sie ihn in sich verstecken wollten.

„1941 – nach der Befreiung des Baltikums durch die Deutschen – da wurden wir von der Deutschen Wehrmacht als Russenfreunde in Kilingi-Nomme brutal zusammen getrieben – zusammengepfercht in einem Drahtverhau. Ein Dach über dem Kopf, Unterkünfte, mussten wir uns selber erst schaffen – solange lagerten wir unter dem freiem Himmel – auf der sumpfigen Erde.“

Irgendetwas ist in dem alten Mann gelöst worden. Katharina traut sich nicht, auch nur einen Satz dazwischen zu stellen. Sie ahnt, dass sie damit etwas zerstören würde, das nur im schweigenden Zuhören entstehen kann.

„In den ersten Wochen ist damals über die Hälfte von uns an Gelbfieber gestorben. Es sei die natürliche Auslese – sagte der Lagerarzt, der uns in seiner piekfeinen schwarzen Uniform mit den glänzenden Totenköpfen auf den Rockaufschlägen, einmal die Woche besuchte.“
Das Sprechen fällt dem alten Mann sichtlich schwer. Katharina sieht es am sich Heben und Senken der eingefallenen Brust unter der unförmigen Jacke.
„Wenn das graue Auto mit dem Stern auf der Kühlerhaube ins Lager fuhr, dann mußten die Wege mit weißem Sand bestreut daliegen. Jeder Schlammspritzer an den blankpolierten Schaftstiefeln des Doktors bedeutete für einen willfährig ausgesuchten Häftling einen Peitschenhieb auf das entblößte Gesäß.
Er hat es sichtlich genossen, der Herr Doktor.“

Katharina spürt, wie dem Alten im sich Erinnern das Grauen über die Augen läuft.

Die Dunkelheit hat fast völlig vom Tag Besitz ergriffen – nur im Pfeifenkopf glüht es rötlich, wenn der Alte an dem brennenden Knaster zieht.
„Nach kurzer Zeit haben wir selber an die Mär von der natürlichen Auslese geglaubt – Nur das Überleben war wichtig. Überleben war alles. Dieser eine übermächtige Gedanke hat uns das Leben draußen vergessen lassen. Wir kamen uns nicht mehr wie eingesperrt vor – Ausgesperrte waren wir. Ausgesperrt aus dem Leben – lebendig begraben.
Aber warum nur? Wir hatten doch keine Verbrechen begangen … und ewig konnte dieser Spuk doch nicht dauern – dachten wir.“
Eine lange Pause läßt seinen Worten Zeit, um ihren Platz in der Gegenwart zu finden – bis ihnen ein kaum wahrnehmbares „ hofften wir “ folgt.© ee

 

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3 Gedanken zu „„Der Weg nach Hause“

  1. Maddin sagt:

    Eindringlich, gefällt mir!

    Gefällt 2 Personen

  2. macalder02 sagt:

    Lange aber Ihre Geschichte sehr interessant. Ich sage umfangreich Kosten viel, weil ich die Übersetzung verstehen.

    Gefällt 1 Person

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