Rosenrot.

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Rosenrot

Seit ein paar Stunden war es schon dunkel. Um vier Uhr hatte die Sonne noch einmal kurz durch ein Wolkenloch geschaut, und gute Nacht gesagt.
Ein bißchen blaß um die Nase war Frau Sonne anzuschauen gewesen. Ein dicker Wolkenschal lag um ihren Kopf, als wenn ein Schnupfen sie ärgerte. Mit einem kräftigen „Hatschi“, von dem die Wolkenschäfchen noch einmal kräftig durcheinander geschüttelt wurden, war sie dann in ihrem Bett hinter dem Horizont verschwunden.
Das Sandmännchen war schon seit einer Stunde unterwegs zu den Kindern – es war für die Kleinen Zeit, schlafen zu gehen.
Auch in der Rosenduftgasse 3 klopfte der Sandmann fröhlich pfeifend an die Tür, um daran zu erinnern.

„Mama … bitte, bitte … noch einmal ‘Rosenrot’ – … einmal noch, büddeeee …“ so weich und warm wie Henriettes Köpfchen sich an Mamas Brust kuschelte, so weich und warm waren auch ihre knuddeligen Ärmchen, die ihre Mama ganz fest drückten.
„Na gut – einmal noch … aber dann geht’s ab in die Heia.“
Zärtlich berührten Mamas Lippen den braunen Lockenkopf ihres kleinen Rehleins. Rehlein nannte sie bei sich ihr Töchterchen, ihre liebliche Henriette.
„Rosenrot ist auch müde …, wenn wir sie nicht bald schlafen lassen, dann kann sie morgen nicht tanzen.“
Wie jeden Abend drehte Mama dann das große Licht an der Zimmerdecke dunkel, so daß nur noch das silberne Mondlämpchen über Henriettes Himmelbett ihr zartes Leuchten durch das Zimmer schickte.
Und wie jeden Abend schob Mama die Fenstervorhänge zur Seite. So konnten sie beide die Schneeflocken draußen im Garten, zwischen den weiß geschmückten Bäumen, tanzen sehen.
Heißa, wie die Flöckchen sich tummelten – sie schwebten vorwärts und rückwärts – sie drehten sich im Kreise – sie schlugen übermütig Purzelbäume um die blinkernden Äste, als warteten sie auch voller Ungeduld auf Mamas Geschichte. Die Geschichte von der Fee Rosenrot.

„Rosenrot wohnt, wie alle Feen, weit, weit weg, im Feenwunderland. Das Feenwunderland liegt sieben Winterjahre hinter dem Sommer, müsst ihr wissen. Wenn die Bäume grünen, und die Blumen das Wunderland bunt färben, drücken alle kleinen Feen von morgens bis abends die Schulbank. Es gibt soviel, was sie lernen müssen – von ihren durchsichtigen Flügelchen tropfen vor Anstrengung oft viele blinkende Schweißperlen.
Der Hofmarschall der Feenkönigin sammelt den ganzen Sommer lang jedes Tröpfchen in großen schillernden Krügen. Das ist von jeher eine wichtige Arbeit im Feenwunderland. Nicht ein Tröpfchen darf er übersehen, denn wenn auch nur ein einziges Perlchen nicht in dem Krüglein landet, werden im nächsten Menschenwinter keine Schneeflocken fallen, und die Feenmädchen können nicht für die Kinder, die drinnen an den Fensterscheiben sich die Nasen platt drücken, draußen in den Gärten in den silbern blinkenden Bäumen tanzen.
Ein kleines Feenmädchen war vor einiger Zeit der Feenkönigin bei ihrem Besuch in der Tanzschule aufgefallen. Es tanzte so leicht und so anmutig – so etwas hatte die Königin samt ihrem Hofstaat, der die Feenkönigin stets auf ihren Ausflügen begleitet, noch nicht gesehen – und daß es etwas gab, was die Königin noch nicht gesehen hatte, das war erst einmal, im überletzten Winter während einer Reise in die Menschenwelt, vorgekommen.
Sie hatte damals, an einem mondhellen Abend, in ein Fenster geschaut, aus dem warmes, gelbes Licht nach draußen in den Garten schien.
Was sie da sah, hatte sie vor Rührung ein paar Tränen weinen lassen, die sie als glitzernde Kristalle für Henriette – Mamas Rehlein war nämlich dieses kleine Mädchen – als Geschenk auf die Fensterbank legte.
Am nächsten Morgen – beim ersten Blick aus dem Fenster – sah Henriettchen sie da liegen. Die Tränen der Königin waren zu wunderschönen Diamanten geworden.
Ihre Mama ließ daraus bei Meister Hutzebutz – Meister Hutzebutz war der alte Goldschmied im Dorf – für ihr Rehlein gleich zwei wunderschöne Ohrringe machen.
Das allerliebste Rehlein – die Feenkönigin wußte natürlich, daß die Mama ihr kleines Mädchen in ihrem Herzen Rehlein getauft hatte – also, das allerliebste Rehlein ging der Feenkönigin seitdem nicht mehr aus dem Sinn. Wenn sie in ihrem Thronsaal umherspazierte, und die schweren Regierungsgeschäfte überlegte, dachte sie immer auch darüber nach, womit sie Henriette noch eine Freude machen könne. Es war ihr partout noch nichts eingefallen, was schön genug für das kleine Rehlein wäre.
Bis zu der Sekunde, als sie in der Feenschule die kleine Fee Nele so zauberhaft tanzen sah. Da plötzlich wußte die Königin, womit sie das kleine Rehlein beschenken würde.
Der Hofmarschall, die Oberfee, die Tanzlehrerin, der Oberhofzeremonienmeister, der Hofgärtner, der königliche Hofmaler, der Meister der Duftmischer – sie alle mußten im Thronsaal zur Audienz erscheinen.
Die Königin sagte ihnen, was sie sich für das kleine Rehlein vorstellte, und jeder bekam von ihr gesagt, was er dabei zu tun hätte. Überall wurde in den nächsten Tagen gewerkelt, gebastelt, gemalt und gedichtet. Ganz viele Überstunden musste der königliche Buchhalter in seine dicken schwarzen Kladden eintragen.
Die Seidenspinnerinnen wurden beauftragt, die feinste Seide zu spinnen – die Weberinnen bekamen den Auftrag, auf ihren goldenen Webstühlen die schönste Robe zu weben die jemals eine Fee getragen hatte – der Hofmaler wurde mit seinen Farbentöpfen solange in der Werkstatt eingeschlossen, bis er das rosigste Rot gemischt hatte – und den Duftmischer schickte die Königin gar durch das ganze Reich, um den lieblichsten Duft zu suchen.
Im ganzen Schloß wurde, rund um die Uhr, vor Freude gesungen und gelacht – so etwas hatte es noch nicht gegeben.
Endlich war es soweit – die Nacht der Nächte war gekommen.
Der Hofmarschall wurde mit siebzehn gläsernen Schlitten vorausgeschickt. Alle Schlitten waren bis über den Rand mit glitzernden Schneeflocken beladen. Während der Fahrt purzelten an den Seiten schon ganz viele Flöckchen herunter, und hinterließen am Himmel eine weiße Spur, auf der die Königin mit allen Feen folgte.
Die kleine Fee Nele saß, vor allen neugierigen Blicken verborgen, in der goldenen Kutsche der Königin.
Es war die Zeit des Schlafengehens, als der große Zug, hoch am Himmel über der Rosenduftgasse 3, ankam. Ein königlicher Bote musste schauen, ob die Mama das Rehlein auch gerade zu Bett brachte. Sie hatten genau die richtige Zeit getroffen.
Auf einen Wink der Königin ließ der Hofmarschall die Schneeflocken von allen siebzehn Schlitten auf die Erde rieseln – und mitten in den vielen Schneeflocken schwebte die kleine Nele zur Erde nieder.
In ihrem rosenroten Kleidchen tanzte sie in der weißen Pracht im Garten vor Henriettes Fenster.
Das kleine Rehlein in Mamas Armen konnte gar nicht fassen, was sie da vor ihrem Fenster sah – eine leuchtende rote Rose tanzte mitten im Winter zwischen Millionen von Schneeflocken. „Mama … guck mal… guck mal … da draußen tanzt Rosenrot. Und so kam es, daß die kleine Fee Nele nun für alle Zeiten Rosenrot heißt.
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