Wilhelmshaven, du ewige Braut …

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Wilhelmshaven, du ewige Braut …

Wie oft, du altes Fräulein,
hat man dir schon was vorgemacht –
wie oft, du altes Fräulein,
hat echt für dich das Glück gelacht?

Mit Königsprunk und Kaisergehabe
großmächtig in die Welt gesetzt –
dein erstes Kleid in Preußens Farbe
wurd’ schon bald darauf zerfetzt.

Das war das Ende deiner Jugend,
fortan gingst du in Lumpen nur –
verdecktest schamhaft deine Tugend,
verwischtest deiner Unschuld Spur.

Jedoch die Freier waren rege,
erkannten deines Leibes Kraft –
ein Braunauer kreuzt deine Wege,
hat deinen Widerstand geschafft.

Mit Brautversprechen und Geschenken
hat er dich willenlos gemacht,
so konnt’ bedenkenlos er lenken
dich zu Heilsgeschrei und Eisen kracht

Was hat man dir nicht all versprochen
an Gütern und Gesellschaftsweihen –
für lichte tausend Ehejahre –
die reichten bis zum Morgengrauen,

denn da war alles schon zerbrochen.

Und wieder gingst du arg in Lumpen,
mit zerschlag’nen Gliedern –
deine Beine waren Stumpen,
nix war mehr mit Heldenliedern.

Als du endlich dann genesen,
konntest wieder dich am Körper freu’n –
da trat das nächste Freierswesen
an – und tat dir Blumen streu’n.

Dein Lechzen nach des Lebens Blüte,
es machte dir das Denken blind –
du schautest gar nicht in die Tüte,
warst wie ein ausgehungert Kind.

Und wieder tönten die Trompeten
von Wohlstand und von Arbeit satt,
doch als du dann zum Tanz gebeten
war nichts mehr da als nur noch Watt.

Du hast dich gut damit beschieden,
es wurd’ zum kleinen Paradies –
doch irgendwer hat’s dir gemieden
und griff erneut zum Hochzeitsvlies.

Man kannte deine wunden Stellen,
dein Sehnen nach der großen Welt –
drum schlug man riesengroße Wellen,
hat dir damit den Blick verstellt.

Doch als die fremde Lust befriedigt
stand’st du erneut alleine da –
hast sogar noch den verteidigt,
der mit dir Teufels Kind gebar.

Ich frage dich du ew’ge Braut,
wie schnell erholen sich deine Schätze –
weil schon der nächste Freier schaut,
zu fangen dich in seinem Netze.

Man macht dir wieder groß’ Versprechen,
übertrumpft sich in der Größe Wahn –
und ist dabei sie schon zu brechen,
bevor die Hochzeitsnacht fängt an.

Man qualmt, dass bald die Schlote krachen,
sogar das Schlafgemach dir voll –
wenn du erstickst, dann hört man Lachen
und reden, dass doch alles toll.

Gewiß wirst du auch dieses Werben
noch einmal leidlich übersteh’n –
doch wenn die letzten Bürger sterben
wird’s auch mit dir nicht weitergeh’n.

© ee

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