Das Geschenk …

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Das Geschenk …

 

Auf der anderen Seite der Schleuse lag schon seit dem Julimonat ein Schiff. Eines Mittags, als Harm von der Schule auf dem Weg nach Hause war, hatte er das Schiff zum ersten Mal gesehen. Morgens, auf dem Weg zur Schule hin, hatten da in Ufernähe noch nur die beiden Dukdalben gestanden.

Und jetzt hörte er plötzlich Musik, nein, nein – keine Trommeln und Trompeten, nein – gaaanz fein klang es über dem Wasser – die Töne zogen über die blinkernden Wellen dahin, wie im Morgendämmern der feine Nebel über das nachtfeuchte Land zieht.

Der Moorkanal mit seinem schwarzbraunen Kabbelwasser lag nicht mehr so nackend im Land – es schien geradeso, als wenn ihm jemand einen feinen seidenen Umhang übergeworfen hätte.

Jeden Morgen freute Harm sich, wenn er die Musik hörte – dann wußte er, gleich bekam er das Boot zu sehen – es war noch da.

Nach zwei Wochen hatte er sich endlich getraut, jeden Tag ein wenig näher an das Boot heranzugehen, um mutig Moin zu sagen. Und sieh an, der Mensch, der oben auf dem Kajütdach saß und so schöne Musik machte, nahm die Mundorgel aus dem Mund und sagte mit ganz tiefer Stimme: „Moin, mien Jung“.

Das war es denn auch vorerst. Er setzte wieder seine Pustmusik an und Harm hörte ihm zu.

Das hätte er stundenlang können, wenn er nicht schnell nach Hause zu mußte. Er mußte zuhause den Schweinekoben ausmisten und die Hühner füttern.

Seitdem er mit seiner Mama alleine war, mußte er einen Teil der Arbeit auf dem kleinen Bauernhof verrichten.

Alles dagegen lamentieren nützte nichts – sie mußten ja irgendwo von leben.

So eine Mundorgel … jaaaa, die hatte er schon ein paarmal auf seinen Weihnachtswunschzettel geschrieben – erfüllt worden war ihm dieser Wunsch nicht. Zum letzten Weihnachtsfest hatte er diesen Wunsch schon gar nicht mehr geäußert – er wußte ja nur zu gut, wie leer es in Mamas Geldbeutel aussah.

Heute Morgen hatte er dem Spielmann noch zugewunken – was hatte der ihm nachgerufen? Adschüß Harm? Er hatte die Worte nicht so recht verstehen können – der Wind lief so schräg dagegenan.

Heute Mittag wußte er es genau – das Schiff war weg.

Zwei Tränen blinkerten in seinen Augen. Die Musik war weg – der seidene Umhang des Moorkanals war weg. Aber was war daaaas?

Oben auf dem Anbindepfahl lag, in der Sonne blinkernd, eine kleine blanke Mundorgel. Darunter lag ein Zettel, auf dem mit Bleistift geschrieben stand:

„Für Harm, meinen dankbarsten Zuhörer.“

Wenn es dem Kalender nach auch erst Frühherbst war – für Harm war es Heute das schönste Weihnachten seines Lebens.

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