Sternstunden …

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Sternstunden …

 

Zur Welt gekommen bin ich in einer Zeit, als es in Deutschland noch gehörig dunkel war. Zwei Tage vor dem heiligen Abend im Jahre Neunzehnhundertvierundvierzig.

Hilfreiche Hände holten mich mittels Kaiserschnitts aus dem Bauch meiner Mutter an das funzelige Licht der Notbeleuchtung im Bunker des St. Willehad Hospital in Wilhelmshaven. Die Kaiserschnittgeburt bewirkte, dass ich am Anbeginn meines Erdendasein nicht gepresst, gedrückt und verrunzelt ausschaute, wie andere Neuerdenbürger, die den von Mutter Natur eigentlich dafür vorgesehenen Weg, aus der behüteten Enge das Mutterleibes als Wiege des Lebens, in die Freiheit der Welt nehmen müssen.

Als wollte der Herr des Lebens mein Erscheinen auf der Bühne des Lebens noch besonders herausstellen, hatte er mein Haupt schon gleich mit einer Fülle von lockigen dunklen Haaren geschmückt. Es soll prächtig ausgesehen haben. So wurde es mir in späteren Jahren noch oft erzählt.

Das alles geschah in einer für die Menschen in Deutschland mehr als schwarzen Zeit, zwei fingerbreit vor Weihnachten. Der Ort des Geschehens war ein katholisches Krankenhaus mitten im evangelischen norddeutschen Plattland.

In diesem Krankenhaus gab es als Hausbedienstete zu der Zeit noch nur Ordensschwestern, Nonnen also, die im heutigen Sprachgebrauch auch gerne als „schwarz“ bezeichnet werden. Diese Frauen waren damals in der schlechten Zeit zwischen Tod und Verderben wahrhaftig helle Lichtgestalten. Sie waren einfach weiße Engel. Damit ist es wohl recht getroffen. So haben sie auch an Heilig Abend 1944 mit ihren bescheidenen Mitteln versucht, in den Köpfen und Herzen der Kranken, der Verwundeten und der Hoffnungslosen am Rande des großen Elends ein wenig den Glauben an ein Ende des Schreckens wiederzuerwecken.

Sie sind in der Heiligen Nacht bei Sirenengeheul und Fliegeralarm mit der hölzernen Krippe aus der Weihnachtsgeschichte von Bettstelle zu Bettstelle gezogen, um die Menschen in den Betten und auf den Notpritschen ein wenig zu trösten. Sie hofften, dass die Patienten den Krieg, der über der Stadt und ringsum im Lande tobte, für ein paar Minuten vergessen würden.

Um dem Wunder von Weihnachten ein lebendiges Gesicht zu geben, hatten sie mich, den gerade Neugeborenen, in die Krippe gelegt. Ich soll so zufrieden ausgeschaut haben, dass viele der Leidenden ein wenig Freude mit in die heilige Nacht genommen haben.

Eine geraume Weile später war dann die Hölle des Tausendjährigen Reiches ausgestanden. Die Bevölkerung des Landes musste aus den tiefen Löchern, in denen sie sich nach den Jahren mit Feuer und Tod noch befand, auf die Ebene des normaltäglichen Zusammenlebens wieder heraus kriechen.

Allein mein Vater der wollte nicht mehr kriechen – auch nicht nach oben und ins Leben. Ich kann nur vermuten, dass ihm das bis dahin im Leben erlebte fürs Leben reichte.

Er war mit offener TBC von See und aus dem Kriegsgetümmel an den heimischen Herd zurückgekommen. Er litt an der Schwindsucht, wie die Nachbarn es hinter der Hand nannten. Wenn es denn böse Nachbarn waren, und deren gab es in der Zeit auch schon reichlich – dann riefen sie es ihm und uns auch wohl laut hinterher. Als er denn am 29. im Hornung 1952 seine letzte Piep geschmökt, und den Löffel endgültig aus der Hand gelegt hatte, da war auch diese Zeit vorüber. Menschen sind ja sehr vergesslich, besonders wenn es denn um ihr eigenes Fehlverhalten geht.

Wenn ich jetzt schreiben würde, ab da musste unsere Mutter alleine dafür Sorge tragen, dass auch bei uns das Leben wieder in geordnete Bahnen einmünden konnte, so würde das nicht den Tatsachen entsprechen. Unsere Mutter hatte von Anbeginn ihrer Ehe den größten Teil aller Last zu tragen. Der ihr Angetraute befand sich ja zumeist in seiner Koje auf See, oder an Land in den Betten irgendwelcher Seemannsbräute auf der nördlichen Halbkugel des Globus. Meiner Mutter war mit dem frühen Dahinscheiden des Vaters ihrer Kinder eine große Erleichterung in den Schoß gefallen. Jetzt war sie offiziell das, was sie zuvor immer schon gezwungenermaßen sein musste, nämlich der „Herr im Hause“ .Sie war ein gütiger Herr im Hause, muß ich hinzufügen (sie versuchte es zumindest zu sein, gelungen ist es ihr freilich nicht immer so ganz). Sie war auch weiterhin, so wie auch die Jahre zuvor, ständig unterwegs, um den Familientopf am kochen zu halten.

Und ich als lütten Büdel – denn ich war ja so etwas wie ein Nachkömmling – war fast überall dabei, und habe mit Kinderaugen in viele „Geschäftsvorgänge“ hineinschauen können, die für das Schauen durch Kinderaugen noch gar nicht bestimmt waren..

Wenn ich so an die Jahre und das Erleben meiner Kinderzeit in der Zeit als die Zeit langsam ein wenig hellerer wurde, nach Rückwärts entlang schaue, dann weiß ich, dass mir da doch ganz häufig etwas zugefallen ist, so etwas wie den Menschen 1944 im Bunkerhospital von St. Willhad.

Ich kann mich an viele dieser Momente erinnern, als wenn das Geschehen erst Gestern war.

So auch, wenn wir – meine Mutter und ich – den ganzen langen Tag in Ostfriesland von Haus zu Haus unterwegs waren. Wir beide mit Mamas altem Drahtesel von Fahrrad. Sie saß auf dem Sattel und strampelte in die Pedale, während ich wie ein Königskind gut in dem an der Lenkstange vor ihr befestigten Weidenkorb aufgehoben war. Bei jedem Wetter waren wir unterwegs, selbst bei Sturm und Hagel.

Die Hintour nach Ostfriesland führte stets über Sillenstede und Jever. Kaufmann Gemblers Gemischtwarenladen in Moorwarfen war der erste Halt auf der Strecke. Hier wurde die erste Ware abgeliefert – der erste Tee und der erste Genever blieben hier zurück und harrten hinter dem Ladentresen auf den Verzehr durch die Endgenießer.

Was meine Mutter von Kaufmann Gembler als Gegenwert dafür bekam, das will mir partout nicht wieder einfallen (oder ich habe es gar nicht zu wissen bekommen) – aber was ich stets auf der ersten Station bekam, DAS meine ich heute noch manchmal auf der Zunge zu schmecken.

In einer solchen Zeit wie der damaligen zweimal die Woche schon des Morgens in der Frühe eine große mit Bonbons gefüllte Spitztüte in die Hände gedrückt zu bekommen – DAS war durchaus NICHT normal, und so etwas vergisst ein Mensch wohl auch sein Lebtag nicht wieder.

Ich habe es jedenfalls nicht vergessen. Ein paar Kilometer weiter und ganz oft in die Pedale treten später gab es immer den nächsten Halt. Bei einem Onkel von mir, dem Mann einer in 42 verstorbenen Schwester meiner Mutter. Tante Anni war nach der Geburt ihres einzigen Kindes dem Kindbettfieber erlegen. Später habe ich oft gedacht, dass sich Schicksale wiederholen, denn ihr Mann ist einige Jahre später auch einem Fieber erlegen, nämlich dem Suff, dem Alkohol, dem er sich schon früh ergeben hatte. Das ist aber eine oder viele andere Geschichten.

Wo wir anschließend am Tage dann in Ostfriesland auch Station machten – und das waren nicht gerade wenige Privathäuser, Bauernhöfe, Kolonialwarenläden und Krüge (Dorfkrüge, Gaststätten) – überall da fiel ein bisschen was für mich ab.

Und Welt konnte es mir damals durchaus schon ansehen – ich nannte von klein auf an einen unverkennbaren „Speckbauch“ mein Eigen. Bei einer solchen Verwöhnbeköstigung war es ja aber auch kein Wunder.

Bei meiner Tante Leni, als meiner Mutters jüngster Schwester, in Bernuthsfeld währte der Aufenthalt zumeist ein wenig länger. Essen und Trinken standen schon in der Wohnküche auf der Tafel parat, wenn Mama und ich von der Willmsfelder Chaussee in den Sandweg abbogen, der zu ihrer Hausstelle führte. Ganz gleich, welche Zeit die Uhr auch gerade anzeigte.

Ihr Mann, Onkel Gustav, der sorgte schon dafür, dass mir auch genug von der besten Wurst und dem leckersten Schinken zwischen die Zähne geriet.

In seiner Alltagsarbeit war er nämlich Metzger. Er bestand auf der Berufsbezeichnung „Metzger“ – er kam nämlich aus dem Westfälischen und war in den Nachkriegswirren bei Tante Helene wegen oder mit irgendwas „hängengeblieben“. Damit teilte er ja das Schicksal vieler „Nachkriegsmänner“, die irgendwo in Deutschland mit irgendwas hängengeblieben waren. Und sei es nur aus Freude, als Spaß an der Sache sozusagen.

Wenn er mich ansah, dann leuchteten auf jeden Fall seine Augen vor Freude.

Tante Leni sagte irgendwann einmal zu mir: „Wenn Gustav di sücht, dat hööcht hüm hoast mehr, as wenn he sükk een moied Schlachtschwien ankikkt“. (Wenn Gustav dich sieht, das freut ihn fast mehr, als wenn er sich ein schönes Schlachtschwein ansieht.)

Es war schon eine besondere Zeit damals.

Einzig bei meiner Oma, da gab es nix – nicht für mich und nicht für meine Mutter oder für meine Geschwister zuhause.

Meine Oma die war so was von grannig (geizig) – sie ist trotz ihrer bis zum Bersten gefüllten Speisekammer im Bett verhungert.

Sie duldete auch niemanden in ihrem Hause und um sich herum. Alle Besucher, und damit meinte sie vordergründig ihre Familie, die zu ihr ins Haus kämen, die wollten sie eh nur bestehlen. Das meinte sie wirklich so – und das sagte sie auch jedem Menschen so.

.Oma war aber gottseidank die große Ausnahme in der Reihe meiner Kinderzeiterfahrungen.

Denn wo mich der Weg meiner Mutter sonst auch hinführte, überall haben die Menschen mich etwas Besseres wissen lassen.

Bei Djuren zum Beispiel – da im Bernuthsfelder Hof – da stand für mich bereits ein Glas mit Brause auf dem Tresen, kaum dass man drinnen in der Gaststube Mamas Rad draußen an der Hausmauer klötern gehört hatte. Wer hat als ein Steppke, der noch nicht einmal über die Tischkante hinausragte, in dieser Zeit denn schon Brause ausgeschenkt bekommen – und das auch noch in einem echten verräucherten Dorfkrug, in einer richtigen Kneipe.

Des Öfteren ließ Mama mich auch wohl für ein paar Stunden bei den Müllers in Verwahr. Die Müllers hießen Müller, sie waren aber Ackersleute. – es waren nur noch Mutter und Sohn Müller – Vater Müller war aus Rußland nicht wieder heimgekehrt. Er war 44, trotzdem er Bauer auf eigener Scholle war, in den Krieg gezogen worden, weil er etwas von wahnsinniger Kriegsführung gesagt hatte. Ein Nachbar als strammer Parteigenosse hatte es gehört, und umgehend für die Verschickung gen Osten,an die Front in Feindesland gesorgt. So war Sohn Renko, obgleich noch ein fast bartloser Jüngling, schon Bauer auf dem Hof an der Willmsfelder Chaussee , direkt am Meerhuser Busch geworden. Mich ließ Mama jedes Mal dort in Verwahr wenn die Zeit sie drängte. Ohne mich als „Vorsitzer“ konnte sie denn doch schneller durchs Moor und zu den abseits gelegenen Hofstellen radeln. Denn ganz gleich was auch war, sie durfte keinen Kunden auslassen. Das waren die Menschen in ihren oft Einsiedeleien von Sophie nicht gewohnt, denn viele kannten meine Mutter ja schon als treue und verlässliche Warenzuträgerin aus den Fischhandelstagen meiner Großeltern gleich nach dem ersten Weltkrieg.

Wenn sie mich also „zwischenparkte“, dann bedeutete es für sie eine kurzfristige Erleichterung, und für mich war es das reinste Vergnügen, denn die Müllers hatten scheinbar an mir irgendwie einen Narren gefressen. Ich durfte auf dem Bock des Pferdewagens den Kutscher spielen, Renko brachte mir das sich fortbewegen auf einem Pferderücken bei, das Kühemelken, das Schweinetreiben und viele andere Dinge, die einem Stadtkind unbekannt blieben lehrte er mich. Ich war völlig ungebunden, und konnte eigentlich machen was ich wollte. Dass ich trotzdem ständig unter Kontrolle war, das habe ich in den ganzen Jahren nicht einmal bemerkt. Ich war Renko Müller sein Patzmann, sein Großknecht, wie er mich den Nachbarn gegenüber bezeichnete.

Seine Mutter – Tant’ Müller wie sie allgemein nur genannt wurde – machte nur für mich zur Teezeit immer Kakao, weil Großknechte, wie sie es mir stets wiederholte, vom Teetrinken eine schlappe Nase bekämen. Dass Großknechte vom „ganz was anderes trinken“ eine „schlappe Nase“ bekamen, das hat sie mir wohlweislich verschwiegen, die Gute.

Der Kakao den sie mir bereitete – Schokolade sagte sie vornehm – der war aber auch vornehm. Aus dem dunkelsten Kakaopulver und milch, die noch warm von der Kuh war, zubereitet – mit viel Zucker und obenauf dann noch ein ordentlicher Schuß vom gelben Rahm …

Es ist jetzt ja leicht verständlich, dass er mir hervorragend geschmeckt hat, und geholfen hat es ganz sicher auch.

Wenn ich die Erinnerung daran Revue passieren lasse, dann ist mir nach so vielen Jahren immer noch zumute, als wenn mir damals ein Engel übers Herz gepinkelt hat.

Auf halbem Wege von Sandhorst nach Dornum – in Willmsfeld am Abzweig der Strasse nach Neuschoo und gegenüber der ersten mit elektrischer Motorkraft betriebenen Getreidemühle – befand sich der Handel von Kaufmann Jülfs. Bei Jülfs gab es einfach alles zu kaufen, was die Menschen auf dem Lande, abseits der großen Heerstrassen, zur Bewältigung des Alltags benötigten. Das war in der Tat auch damals schon eine gehörige Artikelvielfalt, obwohl die Menschen auf ihren Höfen den kleinen Landstellen zumeist noch Selbstversorger waren, zumindest war es so, was den Bedarf für die menschliche Ernährung, das Futter fürs Vieh und das benötigte Brennmaterial betraf.

Kaufmann Jülfs und sein Kolonialwarenladen standen natürlich auch als größerer Posten auf der Kundenliste meiner Mutter. So war das, was mir die Mamsell bei unseren Besuchen im Kontor regelmäßig als Wegzehrung in meine Taschen steckte, mit der Zeit auch zu einem größeren Posten auf meiner Leckereienliste geworden. Es waren jedes Mal Kringels in allen Variationen – mal in Teiggebäck, mal in Schokolade und denn wieder aus Fondantmasse. Je nach Jahreszeit und Festrhythmus. Mama hatte man gerade den Dreh vom Hof herunter in Richtung Eversmeer hinter uns gelassen, da war ich jedes Mal schon den Kringels zu Leibe gerückt. Aufhöre zu gnaueln konnte ich immer erst, wenn alle süßen Kringel den Weg in meinen Bauch gefunden hatten. Obwohl, ich wollte eigentlich es gar nicht, weil ich mir jedes Mal vorher fest vorgenommen hatte, einen Teil davon mit nach Hause zu nehmen.

Nach jedem Tag durch Ostfriesland mussten wir ja des Abends wieder Richtung heimatlicher Haustür, was für meine Mutter oftmals ganz schön beschwerlich war, denn erstens hatte sie ja den Tag über schon zigtausende male in die Pedale getreten und zweitens war die Fracht auf dem Fahrrad ja nicht weniger, sondern auf jeden Fall um einiges schwerer geworden. Waren es des Morgens beim Start von zuhause – ausser ein paar Flaschen Brannt als Schmiermittel für den Fall eventueller Kontrollen zwischen den Ortschaften – nur zehn Pfund schwarzerTee (der teure Herrengenever und die edleren Damenliköre wurden in der Regel mit Jan Peters Omnibus – einem Holzgasveteran der kriegerischen Magerjahre – von Fedderwardergroden Richtung Ostfriesland vorausverfachtet, so dass meine Mutter im Verteilerlager zwischen Plaggenburg und Sandhorst nur noch die Regularien zu kontrollieren und bei Bedarf noch geringe Mengen zu verteilen hatte. Nach getaner Arbeit, das heißt nach erfolgreichem Geschäftsverlauf waren es am Abend dann zweifelsfrei einige Pfünder mehr, die mit uns den Heimweg antraten – ja, antreten mussten, weil der Bremerhavener „Willy“ – so hieß der Jeep des amerikanischen Lieferanten – noch in der halben Nacht den Anteil des Colonels mit zurück nach Bremerhaven, in die US-amerikanische Exklave, nehmen musste.

Ein bestimmtes Quantum an Ware ging an bestimmten Tagen eine Teilstrecke wieder den Weg zurück Richtung heimatlicher Produktionsstätte. Das waren die Tage, an denen Weert, der alte Bäcker Ulferts in Hooksiel, auf bestimmte Spirituosen und eine besondere Sorte von Tee sehnsüchtig wartete. Wenn im Warenbestand außerdem noch Restbestände vom zurückliegenden Tag waren, dann blieben diese komplett in Onkel Weert’s Backstube. Dafür gab es dann für uns Besonderheiten, allesamt von Meisterhand gebacken. Wenn ich in meinem Hochsitz vor dem Lenker spitz bekam, dass Hooksiel voraus lag – es mochte noch so düster und bullerig sein, ich spürte es – denn hatte ich von einer Sekunde auf die andere einen heißen Hintern und vermochte in meinem Korb nicht mehr still sitzen. Wenn jemand jetzt nach dem Grund für dieses seltsame Verhalten fragt, dann kann ich es recht schnell und einfach erklären – der Grund das war das Ende von einem frischen, noch ofenwarmen Korinthenstuten, das der alte Bäckermeister einfach so vom Ganzen abbrach und mir in meine kleinen Fäuste drückte, kaum dass wir in der Tür der Backstube standen.

Es konnte noch so schietwettrig und ungemütlich sein – in diesem Moment war es für mich jedes Mal, als wenn in seinem Rücken die Sonne aufging.

Jaja … es hat eine Menge solcher Sternstunden in meinem kleinen Leben gegeben. Ich habe das, glaube ich, so ein wenig als mein Weihrauch, Gold und Myrrhe angesehen, weil die heiligen Drei Könige ja an Heiligabend vierundvierzig nicht zu mir ins Bunkerkrankenhaus an die Krippe kommen konnten.

Die Sternschnuppe – das hellste Licht – das habe in der Mitte der fünfziger Jahre zu sehen bekommen. Es war meine Zeit im Hause Vieth – meine Zeit als Hein Vieth sein Jakomo, wie er mich zeit unseres Zusammenlebens in Erinnerung an eine Figur aus seiner Jugendzeit, stets mit einem warmen Schimmer in seinen Augen, nannte.

Hein Vieth, das war ein Milchmann wie er leider nur noch auf alten Erinnerungsbildern zu finden ist. Die Anfänge seines Handels mit Milch- und Molkereiprodukten waren noch von Pferd und Wagen geprägt, von dessen Ladefläche aus er an den Häusern längs der Strassen all die Kuhsaftköstlichkeiten aus der Molkerei Neuende und später dann die der Hooksieler Meierei unter die darbende Stadtbevölkerung brachte.

Die Verhältnisse änderten sich nach dem Ende der kriegerischen Handlungen allmählich, und allmählich veränderte sich auch die Art und Weise des Viethschen Handels vom ambulanten Strassenverkauf über eine stationäre Holzbude hin zu einem richtigen Ladengeschäft in einem stabilen Gebäude. Aus der fahrbaren Milchverteilerstelle war ein handfester und begehbarer Kaufmannsladen geworden.

Und jetzt kommt das, was mich an dieser Sache persönlich betrifft – das, wodurch die besagte Sternschnuppe für mich sichtbar wurde.

Hein Vieth war durch des Schicksals Fügung und durch Verheiratung meiner Schwester Mathilde mit seinem Sohn Lür ja nun zum Schwiegervater meiner Schwester erklärt worden. Meine Schwester hat dieses neu entstandene Verwandtschaftsverhältnis für sich nicht immer nur als Glücksfall betrachtet – das weiß ich. Dafür gäbe es ganz sicher auch viele Beispiele anzuführen, die ich aber anderen Geschichten vorbehalten möchte.

Für mich, für mich war es ohne jeden Zweifel ein echter Glücksfall, eben eine Sterschnuppe am sonst oftmals trüben Alltagshimmel.

Meine Mutter betrieb ja seit 48, seit Einführung der neuen Währung – der D-Mark – keine Schwarzhandels- oder Hamstergeschäfte mehr.

Die US-amerikanische Teequelle in Bremerhaven war durch Intervention der Tommis, wie wir die britischen Militärs umgangssprachlich nannten, der britischen Besatzer unseres Landstriches, endgültig trockengelegt. Infolge dieses Quellenschlusses versiegte auch der ständige Zuckerzufluß aus dem Freihafen in unser Rohstofflager als unabdingbarer Grundstoff für meiner Mutters Destilleriebetrieb. Dadurch war auch ihre profitable Schnapsbrennerei als Einnahmequelle lahmgelegt. Eine unvorhersehbare Karambolage mit nach Schwarzgut fahndenden Grünröcken (Zollbeamten) trug ein Übriges zur Einstellung der Produktion bei. Es konnte in unserem Hause fürderhin nicht mehr gebrannt werden. Allerdings war es sehr zum Leidwesen vieler Genießer von Eden’s Qualitätsbränden landauf und landab.

Dafür verbrachte meine Mutter nun Tag für Tag – oft zwei Schichten lang – an einer von des Herrn P.’s vielen Nähmaschinen, an denen sich das halbe weibliche Wilhelmshaven in den Jahren an dem rauen Tuch der Khaki-Unformen für die Tommisoldaten in aller Welt ihre Finger wund nähten. Das hatte ein paar Jahre zuvor auch keine der Schlicktauischen Frauen geahnt, dass sie einmal für die „Erzfeinde“ von jenseits des Kanals deren Klamotten zusammengüddern würden.

Der Mann meiner Mutter war ja nun tot, meine Schwestern und Brüder hatte der Drang des Lebens in alle Winde getrieben, und ich war alleine in unserem Zuhause.

Ich war ein Schlüsselkind geworden, was ja an sich nichts Besonderes und kein Einzelfall in der damaligen Zeit war. Die Anzahl der Kinder, die nach dem Schulunterricht in die Obhut eines Kindergartens gingen, die war im unteren Promillebereich angesiedelt. Als Kind in einen Kindergarten zu gehen, das war schon etwas sehr Privilegiertes und in unserem Armeleuteviertel nur ganz wenigen vorbehalten.

Trotzdem gab es für mich kein Herumstreichen und nicht wissen wohin mit der freien Zeit. Ich brauchte meine Tage nicht mit gefahrvollen Jungensunternehmungen ausfüllen. Da hat mich der Himmel vor bewahrt – ich hatte ja Hein Vieth und seinen Klüterladen.

Jeden Mittag nach der Schule nahm ich Kurs auf das Vieth’sche Anwesen, um Onkel Hein bei seinen Geschäften zur Hand zu gehen. Zu tun gab es für mich da immer etwas.

Was an Produkten im Laden über den Tresen ging, das war ja in seiner Darreichungsform oder in der Art der Verpackung von den in der heutigen Zeit gehandelten Artikeln selbst bei gleicher Substanz himmelweit entfernt. Wer es von den Heutigen zu damaliger Zeit nicht noch erlebt hat, der vermag sich das Szenario eines solchen Geschäftes nur schwer bis gar nicht mehr vorzustellen. Die meisten Waren und Dinge des täglichen Bedarfs waren lose, das heißt als Sackware, in Verkehr. Das Wort „Verpackungsindustrie“ schrieb der Handel noch sehr klein. Es besaß noch kein Börsengewicht in der Wirtschaft.

Ich habe in dieser Zeit bei Hein Vieth in Bereiche des Lebens reinschnuppern und Fertigkeiten erlernen dürfen, die mir ohne diese Verbindung wohl nie so zuteil geworden wären. Wer kann denn heute noch Tüten – Papiertüten natürlich – durch kunstvolles Falten gekonnt schließen. Bei den seidenpapierigen Kekstüten gab ich mir stets besondere Mühe, denn wenn sich die Hausfrauenund Mütter sxchon die Pfennige vom kargen Haushaltsgeld abknappsten, um an bestimmten Tagen oder zu besonderen Anlässen ihren Lieben die Teetafel mit hauchzartem Gebäck von XOX, Trüller oder auch Bahlsen verlockender zu gestalten, dann hatte auch das eintüten im Kaufmannsladen eine besondere Mühe verdient. So habe ich es in meinem Kindermenschenverstand damals wohl empfunden. Vielleicht war es aber auch nur die Freude an allem Schönen, das ich dann auch noch mit meinen kleinen Händen selber zu formen imstande war.

Auch bei einer anderen „Fertigkeit“ hätte ich ganz sicher Weltmeisterwürden erringen können, wenn in der Disziplin derartige Wettkämpfe ausgetragen worden wären. „Underberg-Fläschchen mundfertig vorbereiten“ hätte dann die Bezeichnung dieser „Sportart“ lauten müssen.

Von diesen kleinen Seelentröstern mit ihrem hochprozentigen kräuterigen Innenleben musste ich nämlich des Mittags und des Abends jeweils den Inhalt eines Kartons (das waren immerhin 28 Mini-Buddeln) mundgerecht vorbereiten. Das heißt, ich musste an den Flaschenhälsen die bräunliche Papierumhüllung entfernen und die roten Schraubverschlüsse voröffnen, damit Onkel Hein im Bedarfsfall schnell seinen Pegel wieder auffüllen konnte. Er brauchte sich dann nicht unnötig lange mit dem „Vorspiel“ aufzuhalten, wie er mir einmal erklärte. Wenn mir das späterhin in den Sinn kam, dann habe ich manchmal gedacht, dass ihm dadurch sicher so mancher freudige Augenblick entgangen ist.

Die Gebinde, die Faltkartons, waren im dunkleren Teil des Ladens hinter einer Waage versteckt, denn die „Inhalationen“ die musste die Kundschaft vor dem Tresen ja nicht unbedingt mitbekommen.

Vom „Underberg“ soll man für sein Wohlbefinden ja auch heute noch täglich zwei Fläschchen genießen. Dieses „zwei davon trinken“ hat Onkel Hein wahrscheinlich auf seine eigene Art ausgelegt. Angemerkt hat man ihm das nie – nur seine Leber, die hatte wohl jeden Schluck des niederrheinischen Kräuterelixiers notiert, und hat sich, als ihr Maß voll war, einem relativ noch jungen Rentenalter einfach abgestellt. Ich hätte ihm gerne ein längeres Verweilen auf seinem Waller Altersruhesitz gegönnt, denn was er in seinem (zu kurzen) Verweilen in dieser Welt allein schon mir an gutem getan hat, allein dafür sitzt er jetzt im Paradies inmitten einer ewiggroßen schar von kleinen Underbergfläschchen.

Seine Guttaten beschränkten sich ja nicht alleine auf das, was er mir in meinen Prägejahren an Künsten und Fertigkeiten vermittelt hat – die reichten ja viel tiefer ins tägliche Leben hinein.

Jeden Abend, wenn die Uhr sieben geschlagen hatte, dann wurde der Schlüssel im Schloss der Ladentüre umgedreht. Ladenschluß war gesetzlich um 19 Uhr. Da gab es keine Ausnahme von der Regel. Bevor es denn ans Reinemachen ging – im Laden war allerhand sauber zumachen – stand erst einmal das Abendessen auf der Tafel im Esszimmer. Ein Esszimmer gab es damals schon im Hause Vieth. Die Familie wurzelte ha schließlich in bremischen großbäuerlichen Verhältnissen. Es wurde im Hause Vieth nicht profan am Tisch in der Wohnküche gegessen, so wie es in den anderen Voslapper Haushalten geschah, nein, es wurde getafelt. Was da nämlich bei jeder Mahlzeit ablief, das ist nicht einfach nur mit Hunger stillen zu bezeichnen.

Ich habe es immer wieder und oft nicht fassen können, was meinen Augen, meiner Nase, meinem Gaumen und letztendlich meinem Bauch da an Köstlichkeiten geboten wurde. Alles war stilvoll und edel und doch kein bisschen Etepetete – na ja, von Frau Meta einmal abgesehen, die hätte es mit Sicherheit manchmal etwas weniger rustikal gehabt – mehr mit dem Flair eines Bremer Bürgerhauses. Da konnte sie sich aber anstrengen wie sie wollte und tun was sie wollte – Onkel Hein blieb seiner Schlemmernatur treu. Etwas anderes hätte auch gar nicht ins Bild gepasst, so wie er in dem Halbrund des gewaltigen Sofas hinter dem Tisch mit der ovalen Wurzelholzplatte thronte.

Die Menschen, mit denen ich es in den Anfangsjahren meines Lebens tagtäglich zu tun hatte, von denen hatte nicht einer jemals so etwas gesehen – geschweige denn, es auch noch genießen dürfen.

Wenn ich denn nach dem Abendbrot (fast hätte ich „Abendmahl“ geschrieben – das wäre denn aber doch wohl ein wenig zu hoch angesiedelt gewesen) und dem Aufklaren im Laden mit müden Gliedern und vollem Bauch nach heimwärts strebte, dann war ich ja von allen Seiten mit allem Möglichen bepackt. Bepackt mit alledem, was Mama und ich so an Nahrungsmitteln zum Leben benötigten.

Ich habe wohl nie Geld für meine Anwesenheit im Hause Vieth in die Hände bekommen – aber die „Naturalien“ die machten mehr an Wert aus, als so mancher Familienvater nach täglich harter Arbeit nach Hause brachte.

Dadurch habe ich in den Jahren gewiß manchen Stern zu Gesicht bekommen, von dem viele andere gar nicht wussten, dass diese Sterne überhaupt am Himmel standen.

 

ewaldeden©2013

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2 Gedanken zu „Sternstunden …

  1. kinder unlimited sagt:

    Danke fuers In-dein-Leben eintauchen…..du hattest wahrhaftig Sternstunden !Das sind wunderbare Erinnerungen.

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